oder: Kann es eine Solidarität der Designszene geben?* von Jürgen Siebert
Zu den tagtäglichen Missachtungen der Kommunikationsdesigner gehören unanständige Wettbewerbe, herablassende Auftraggeber, anprangernde Massenmedien, Ignoranz gegenüber ihrer (Dienst-)Leistung und die finanzielle Geringschätzung ihrer Arbeit. Das (inzwischen entsorgte) Cottbus-Logo hat gezeigt: Wenn alles zusammen kommt, entsteht Müll, alle Beteiligten sind frustriert und niemand weiß so richtig warum.
Dass es die Initiative Fidius für faire Designwettbewerbe geben muss, ist für sich schon ein Skandal. Geradezu himmelschreiend: Unter den ersten vier Preisträgern findet sich ein Nestbeschmutzer, eine Designinstitution, die eigentlich ihre Schäfchen vertreten und schützen soll, anstatt sie beim »Designpreis der Bundesrepublik Deutschland« mit 4stelligen Teilnahmegebühren zu schröpfen. Wenn wir jetzt anfangen uns gegenseitig zu zerfleischen, dann Gute Nacht Designland Germany.
Der Ruf nach einer Designkammer erklang jüngst. Nun kann keiner behaupten, dass es der Branche an Vertretung(en) fehle. Ganz im Gegenteil, möchte man meinen, denn die Landschaft der Designverbände ist fruchtbar und gliedert sich wie folgt:
BDG (Kommunikationsdesign), VDID (Produktdesign), VDMD (Modedesign), IO (Illustratorenorganisation), AGD (für alle Sparten), designerinnenforum (Frauen-Mischverband, teils dem AGD zugeordnet), forum Typografie, forum für Entwerfen, DDC, 100 Beste Plakate, … und über 20 föderal organisierte Designzentren – von der Design-Initiative Nord (Kiel) über das IDZ in Berlin bis hin zum Design Zentrum München.
Glücklicherweise gibt es den Versuch der Interessenbündelung. Die großen Berufsvertretungen sind seit November 2006 in der Initiative Deutscher Designverbände IDD organisiert, eine Art informeller Dachverband mit dem Ziel, »die Rahmenbedingungen für Designerinnen und Designer sowie der Design-Nutzer zu verbessern.« Der Präsident des IDD, Henning Krause, hat ein griffiges Bild für seine Arbeit: »Interessenvertretung ist Dickbrettbohren.«
Kein Grund die Waffen zu strecken. Immerhin ist es Erik Spiekermann dank jahrelangem persönlichem Engagement gelungen, von der Europäischen Union als einzigem Kommunikationsdesigner in eine Riege der Botschafter für das European Year of Creativity and Innovation 2009 aufgenommen zu werden, neben so etablierten Berufen wie Dirigent, Architekt, Choreograf und Handy-Unternehmer.
Dass Spiekermann nicht viel von Interessenvertretungen hält ist spätestens seit dem Forum Typografie in Berlin 1991 bekannt, wo er das Thema gesamtdeutscher Designverband mit den Worten wegbügelte: »Wenn ihr einen Verband braucht, geht zum Arzt.«
Was zählt, ist das Engagement eines jeden einzelnen. Jede Designerin, jeder Designer, die/der unaufhörlich für das Ansehen seiner gestalterischen Arbeit kämpft ist mehr Wert als eine organisierte, aber schweigende Masse. Die TYPO 2009 möchte ihren Beitrag dazu leisten, dass die Stimme der deutschen Designerinnen und Designer gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit lauter wird.
Hierfür reserviert sie den Nachmittag des 2. Tages für die Aktivisten der Szene. Parallel zum Vortragsprogramm werden sie in 3 Veranstaltungen Gelegenheit haben, ihre Erfahrungen und Ideen zu präsentieren und auszutauschen.
Weil ich mir wünsche, dass an diesem Nachmittag nicht nur wirtschaftlich erfolgreiche Designer ihren Input geben, sondern ein Querschnitt der Gesamtszene mitwirkt, werden die Türen zu den 3 o. g. Veranstaltungen auch nicht-akkreditierten Besuchern offen stehen. Bitte vormerken!
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* der ungekürzte Beitrag im TYPOblog; Foto: ©ƒStop @ FontShop