Artikel im September 2008


Schriftzug = Schriftname

Eine der originellsten Typografie-Fotogruppen auf Flickr ist LTypI: Lack of Typographic Imagination. Hier werden Logos veröffentlicht, deren Name bzw. Namensbestandteile zur Wahl der verwendeten Schrift geführt haben. Jüngstes Beispiel ist der Market Place in Tegel, gesetzt aus FF Market, wie Ivo Gabrowitsch herausgefunden hat. Ivo hat die Flickr-Gruppe gemeinsam mit Stephen Coles ins Leben gerufen. Wenn Ihr ähnliche Beispiele in Euren Bildarchiven habt, steuert sie zur allgemeinen Unterhaltung der Gruppe bei.

Praktikum bei FSI FontShop International

Unserer Schwesterfirma FSI FontShop International, Herausgeberin von FontFont, Æ’Stop und FontBook, sucht eine/n Praktikanten/in. Geboten werden:

• Einblick in die Fontproduktion
• Arbeit mit FontLab zum Generieren von Fonts
• Benutzung von Python-Scripts zum Testen von Fonts
• Type-1-Hinting
• Modifikation von Glyphen
• Vervollständigen von Zeichensätzen

Achtung: Gefragt ist nicht das Entwerfen von Schriften, sondern die technischen Voraussetzung, aus einem Entwurf die Fontsoftware zu generieren. Ein grafisches Auge hilft selbstverständlich bei dieser Aufgabe.

Und das ist fast schon legendär: »Wir bieten einen angenehmen Arbeitsplatz mit freundlichen Kollegen.« Weiter heißt es in der Stellenausschreibung: »Du studierst Grafikdesign oder ein verwandtes Fach und hast Erfahrung oder zumindest großes Interesse an Typografie und Schrifttechnik, kennst Dich mit Grafik- und Textverarbeitungsprogrammen aus und sprichst Deutsch oder Englisch.«

Das Praktikum sollte möglichst 6 Monate dauern. Interessenten melden sich bitte bei andreas@fontfont.de.

St.-Petersburg-Tagebuch (Schluss): Randbemerkungen

Das überflüssigste Hotelzimmerutensil – nach Hosenbügler und Safe – ist das Telefon. Die letzten Male, dass ich ein solches benutzt habe, vor ungefähr 5 Jahren, sahen so aus: Telefonstrippe raus, Modemkabel rein. Heute surft man drahtlos, telefoniert wird bereits seit Jahren mit dem eigenen Handy.

Direkt gegenüber blicke ich vom Hotelfenster aus in einen fahl beleuchteten Hinterhof. Er ist nicht groß, und sehr gespenstisch.  Rechts ein Müllcontainer, sonst nichts. Alle Fenster verdunkelt. Kein einziger Lichtstrahl dringt von innen nach außen. Gruselig. Trotzdem wird das Anwesen nachts wie eine Theaterkulisse illuminiert. Dann sieht es aus wie ein Gemälde. Ich biete das Foto hier als Wallpaper fürs iPhone an.

Wo fand eigentlich die ATypi statt? In einem Palast, dem Beloselsky-Belosersky-Palast. Er liegt auf dem Newskij Prospekt, direkt an dem kanalartigen Flüsschen Fontanka, übersetzt »Fontänenfluss«. Es erhielt diesen Namen, weil es die über 50 Brunnen und Fontäne des Sommergartens mit Wasser versorgte.

Das Wörtchen »Font« steckt im Namen des Flusses, also der Begriff für einen Satz Druckbuchstaben eines Stils und einer Größe. Er stammt aus dem späten 16. Jahrhundert, leitete sich vom französischen ›fonte‹ ab (ursprünglich ›fondre‹ für schmelzen), und beschrieb den Vorgang des Bleigießens.

Weitere Informationen zu dem Palast auf Wikipedia, oder – ideologisch aufgehübscht – sichert bald von Harki in den Kommentaren.

Am Freitagabend besuchte ich die traditionelle ATypI-Ausstellung. Auf zwei Wänden waren die Sieger des 1. armenischen Schriftdesign-Wettbewerbs zu bewundern. Hier haben Ivo und ich den besten Schriftentwerfer Armeniens kennen gelernt. Das es einen solchen dort gibt, mögen Borat-Fans jetzt amüsant finden, vor allem auch, weil unser neuer Freund Edik ein bisschen wie Louis de Funes aussieht.
Doch der Mann ist eine Koryphäe. Er gewann in fast allen Kategorien den ersten Preis, mit unglaublich professionellen und präzisen Entwürfen und einer enormen Bandbreite: Sans, Serif, Display und Script. Edik ist Mathematiker und entwirft seit 20 Jahren Schriften – am Computer. Sein ersten Schriftprogramm hat er selbst unter C++ programmiert. Danach hat er die Mathematik für immer verlassen. Heute entstehen seine Schriften mit FontLab.

Diese Schrift von unserem neuen Freund enthält nicht nur die armenischen Zeichen (oben), sondern auch Western, kyrillische und das griechische Alphabet.

Eben erhielt ich per E-Mail noch diese beiden Fotos aus St. Petersburg: Werbung für neue Schriften auf Großflächenplakaten in der Metro. Ich vermute, die Motive hat ParaType entwerfen und kleben lassen. Ich konnte es nicht entziffern, weil die Originalgröße der Bilder nur 320 x 240 Pixel betrug, fest eingestellt in der Kamera â€?for some reason“. Oh no, Joan ;-)

St.-Petersburg-Tagebuch (2): genauer hinschauen


Sieht auf den ersten Blick aus wie Hamburg, München oder Berlin … vertraute visuelle Codes: neuer Film, Pop-Konzert, Klassik, Theater. Doch die Vergrößerung (ein Klick auf das Foto) liefert dem »deutschsprachigen Auge« keine vertiefende Informationen. Ratlosigkeit.

Ich wohne in der Rubinsteinstraße, eine Querstraße zur Shoppingmeile Newskij Prospekt. Ihren Namen konnte ich mir sofort merken. Welch’ wunderbare Wortmelodie: Rubinsteinstraße. Musik in meinen Ohren. In Umschrift liest sich das »RubinÅ¡tejna Uliza«. Auf dem Straßenschild steht »уа. Рубинштеина«. Auch am 2. Tag meines Aufenthalts in St. Petersburg kann ich das noch nicht flüssig entziffern.

Die Rubinsteinstraße erinnert mich an die Bergmannstraße in Kreuzberg, augenscheinlich eine gesunde Mischung aus Wohnen, Ausgehen und Einkaufen. Es gibt verzierte Mietshäuser mit großen Hinterhöfen. Dazwischen jede Menge Restaurants mit verschiedenen nationalen Geschmacksausrichtungen, darunter französisch, italienisch-libanesisch, japanisch und amerikanisch (you know what i mean). Sie wechseln sich mit kleinen Geschäften ab. Die Lebensmittelläden liegen meist im Souterrain der 4-geschossigen Wohnhäuser.


Logodesigner, aufgepasst: Ein Internationales Unternehmen braucht neben einer Wortmarke immer auch einen visuellen grafischen Anker, der schriftunabhängig funktioniert. Ohne gelbes M würden die Fast-Food-Freunde aus dem westlichen Ausland ihre Leitmarke in der Russischen Republik nur schwer wiedererkennen. Diese Filiale befindet sich in der Rubinsteinstraße.

Schaut man genauer hin, dann unterscheidet sich die Rubinsteinstraße doch sehr von einer deutschen Großstadtstraße. Die relativ homogene Sozialstruktur der ehemaligen Sowjetunion ist in den letzten Jahren auseinander gebrochen. Auf den Straßen sieht man Menschen, die ihren Lebensunterhalt erbetteln müssen, daneben Neureiche in Luxusklamotten. Es gibt eine wachsende Schicht erfolgreicher Jungkapitalisten, aber auch manche am Rand der Kriminalität wirkenden Schieber. Ziemlich schlecht geht es all jenen, die ihr Gehalt vom Staat beziehen und von der Schattenwirtschaft ausgeschlossen sind. Mein Reiseführer schreibt, dass »Lehrer und Ärzte, Busfahrer, Eisenbahner, Polizisten und Postbedienstete mit ihrem Einkommen nahe der Armutsgrenze liegen«.

Der durchschnittliche Monatslohn in St. Petersburg liegt bei 300 Euro. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass die Stadt zu den teuersten Metropolen der Welt gehört. Das Shoppen in den Edelboutiquen des Newskij Prospekt oder der Besuch eines guten Restaurants ist für den Durchschnitts-Petersburger ein unerschwingliches Vergnügen. Selbst Lebensmittel aus dem Westen, die in allen Supermärkten (auf westlichem Preisniveau) angeboten werden, sind unbezahlbar. Einheimische kaufen entweder auf preisgünstigen Märkten ein oder an den Ständen am Straßenrand und in den Metrostationen.


FontShops Corporate-Font-Abteilung predigt seit Jahren, dass man eine Wortmarke in fremden Schriftsprachräumen nicht mit der erst besten Type transkribieren soll. Wohin das führt, zeigt dieses Bild. Der kyrillische Citibank-Schriftzug sieht wie eine Fälschung aus. War die Bank nur schlecht beraten oder zu knickrig, um sich die 7 verschiedenen Buchstaben ihres Logos von einem Schriftentwerfer ins Kyrillische übertragen zu lassen. So was kostet weit weniger, als die Installation der 8 Leuchtschriftzüge an diesem Eckhaus im Newskij Prospekt.

Das aktuelle soziale Gefälle ist der Grund dafür, dass die kleinen Souterrainmärkte in der Rubinsteinstraße bei Einbruch der Dunkelheit von Wachleuten geschützt werden. Irgendwie erinnert mich dieser Zweiklassenkonsum an die Intershops, damals in der DDR. Auch da gab es Westwaren, unter abenteuerlichen Umständen, gegen Devisen, zu denen Bürger ohne Beziehungen keinen Zugang hatten, und zu (hochgerechnet) Luxuspreisen. Heute regelt sich das im ehemaligen sozialistischen St. Petersburg durch die (freien?) Mechanismen des Kapitalismus.


Mein erster kultureller Pflichtbesuch: Die Christi-Auferstehungskirche, die an der Stelle errichtet wurde, wo Kaiser Alexander II am 1. März 1881 einem Attentat zum Opfer gefallen war. Daher ihr zweiter Name »Erlöser auf dem Blute«.

Am Mittag besuchte ich die  Auferstehungskirche am Gribojedow-Kanal. Sie wurde zwischen 1883 und 1907 nach den Entwürfen von Alfred Parland und Archimandrit Ignatij (Malyschew) erbaut, nach Moskauer Vorbild. Auf Wunsch der Öffentlichkeit und mit Unterstützung des Bauherren Alexander III sollte das Andenken an seinen Vater Alexander II verewigt werden, der wichtige Sozial- und Wirtschaftsreformen einleitete. Und so stößt man bei der näheren Begegnung mit der christlichen Auferstehungskirche auf ganz weltliche Gedenktafeln – eine befremdliche Mixtur. Auf der einen wird an die Einführung der Telegrafie erinnert, andere loben die Reform des Steuerrechts und die Beschränkung der Körperstrafen.


Eine von 12 Gedenktafeln am Sockel der Auferstehungskirche, die an verschiedene Sozialreformen Alexander II erinnern soll. Auf dieser steht: 17. April 1863 – Beschränkung der Körperstrafen. Ein Klick auf das Foto öffnet eine vergrößerte Ansicht der Beschriftung, die nicht identisch ist mit der aktuelle kyrillischen Schrift.

Die Ausstattung der Kirche verblüfft durch ihren Reichtum. Sie birgt eine der größten Mosaik-Sammlungen der Welt. Sie erstreckt sich über eine Fläche von 7000 Quadratmetern. Es ist das Werk russischer Künstler, die 12 Jahre in der Privatwerkstatt der Gebrüder Frolow und in den Werkstätten der Petersburger Akademie der Künste gearbeitet hatten. Die gemalten Vorlagen dazu lieferten 32 Künstler.

Bis 1917 wurde die Kirche ausschließlich für Toten- und Gedenkfeiern für Alexander II genutzt. Danach wurde sie in ein gewöhnliches Gotteshaus umgewandelt. 1930 wurde sie geschlossen und als Lagerhalle genutzt. 1970 begannen die Restaurierungsarbeiten, die sich bis zur Wiedereröffnung 1997 hinzogen.

Zum Abschluss noch ein Leckerbissen für die Freunde der »Vintage Typography«. Ich war nicht nur in der Erlöserkirche, sondern auch in der Eremitage. Die dort ausgestellte Kunst ist überwältigend, darüber kann ich hier nicht schreiben. Aber ich möchte eine schier endlose Reihe von Holzkisten nicht unerwähnt lassen, über die ich kurz vorm Verlassen des Museums »gestolpert« bin. In diesen befinden sich mit Sicherheit unbezahlbare Kunstschätze, die demnächst auf Weltreise gehen werden.

Die Kisten sind mit Schablonen beschriftet, echte Cowboy-Fonts und -Brandzeichen, gemixt mit sozialistischem Edelmetall-Design. Die Freunde der kyrillischen Schrift werden uns sicher das Siegel übersetzen. Alle 3 Fotos mit darunterliegender Vergrößerung:

St.-Petersburg-Tagebuch (1): Unlesbarkeit


Ein (typo)grafischer Leckerbissen in St. Petersburg, mit dem Handy aufgeschnappt, ich weiß nicht mehr wo, ich weiß nicht mehr wann (sicherlich ist das den EXIF-Daten zu entnehmen) … weiß aber vor allem nicht, was auf dem Schild geschrieben steht.

Der Unterschied zwischen »eine Sprache nicht sprechen können« und »eine Sprache nicht lesen können« war mir bis eben nicht so richtig klar. Dazu sollte ich vorwegschicken, dass ich noch nie in Asien oder Afrika Urlaub gemacht habe und heute zum ersten Mal in meinem Leben in Russland weile. Genauer: St. Petersburg, eine typografische Dienstreise zur ATypI-Konferenz. Ich hatte auch kein Russisch in der Schule.

Erst im Flieger lese ich den Baedeker-Reiseführer. Auf Seite 91 steht der für mich entscheidende Satz: »Um Straßennamen und Metrostationen zu entziffern, ist die Kenntnis des russischen (kyrillischen) Alphabets unabdingbar.« Klingt harmlos, wenn man gewohnt ist, sich mit dem Taxi durch eine fremde Stadt zu bewegen. Warum schreiben die nicht: »Um ein Wasser mit Kohlensäure von einem Wasser ohne zu unterscheiden … oder um die Damentoilette nicht mit der Herrentoilette zu verwechseln … oder um herauszufinden, vor welchem Opernhaus man steht …«?


Ich lese im Reiseführer, dass Passasch auf dem Newskij Prospekt die schönste Einkaufspassage der Stadt sei. Ohne Kenntnis der kyrillischen Schrift heißt der Ort jedoch »Naccax«. Ich habe ihn nicht gefunden, war aber dort, was ich erst beim alphabetischen Auswerten der Fotos feststellte (Sorry für die Bewegungsunschärfe, hab’ das Bild in der Dämmerung aus der Hüfte geschossen; die Dämmerung dauert hier in St. P. zu dieser Jahreszeit fantastische 2 Stunden, ungefähr von 18:00 bis 20:00 Uhr)

Auf dem Flughafen wurde es dann ernst. Nun gut, die wichtigen Schilder vorm Betreten des russischen Territoriums sind noch zweisprachig … Zoll, Ausgang, Grenze. Doch um das Förderband zu finden, auf dem mein Koffer ankommen soll, da mache ich etwas, was ich seit Jahrzehnten nicht mehr getan habe: Ich laufe hilflos der Masse hinterher. Zum Glück habe ich mir einige Gesichter aus dem Flieger gemerkt. Auf der Anzeigetafel zur Gepäckausgabe verstehe ich kein Wort, außer der Flugnummer: AB 8484.

Ich muss mal. Es gibt keine Schilder mit Piktogrammen für Männlein oder Weiblein. Was heißt überhaupt Toilette auf russisch? Sicher wird es ganz ähnlich klingen wie im Französischen, Spanischen oder Englischen. Dummerweise sprechen die Schilder nicht, man muss sie lesen. Soll ich jetzt den Reiseführer herausnehmen, und die »Umrechnungstabelle« zu Rate ziehen, um alle Schilder in meinem Blickfeld zu transkribieren? Ich muss mal, ganz dringend, verdammt.


Wenn man seit 20 Jahren Marketing für Schriften macht, aber keinen blassen Dunst von den kyrillischen Zeichen hat (ich bin nicht mal in der Lage zu beurteilen, ob dieser Schriftzug spiegelverkehrt auf der Scheibe klebt), kann man sich immer wieder an den Formen der Buchstaben erfreuen … verstehen tue ich sie trotzdem nicht.

Da hinten steht »Pektopa«. Genauer: »РеÑ?торáн«. Ein Mitreisender klärt mich auf, dass sich das »Ristarán« liest. Ich koche. Warum kann man das nicht so da dranschreiben? Ich hätte es sofort verstanden. Nur gut, dass ich an einen Experten geraten bin: »Würden Sie mir bitte verraten, wo ich mir mal die Hände waschen kann?« »Na klar, dort hinten, rechts.« Oooohkeyei, vielen Dank. Ich trabe auf ein Schild zu, auf dem ich »Tyanet« lese. Tatsächlich steht dort »Tyaлéт«, in kyrillisch, was sich »Tualét« ausspricht. Ich bin bedient. Meine Kenntnisse der lateinischen Schrift und Sprache sind in diesem Land nichts wert.

Als wär’ das Leben in einer Stadt mit einer fremden Schrift nicht schon schwer genug … hier purzeln die Lettern auch noch von oben nach unten … ja wie herum muss man das denn jetzt dechiffrieren?

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt von St. Petersburg greife ich immer wieder zum Reiseführer, um eine Umrechnungstabelle zu konsultieren. Dabei handelt es sich nicht um eine Währungsumrechnung, sondern um eine Buchstabenumrechnung. Ich lerne, dass das kyrillische A/a dem deutschen A/a entspricht. Eine Trivialität. Das kyrillische Б/б wäre dann das B/b – kann ich mit leben – doch die Buchstaben Ð’/в sprechen die Russen wie ein w aus. Jetzt muss ich intellektuell schon aussteigen: was ich als B lese, spricht sich v aus und eine 6 ist im kyrillischen ein b. Wer um Himmels Willen soll sich das denn merken? Und dabei folgen in der Tabelle noch 30 kyrillische Groß- und Kleinbuchstaben, die alle noch memoriert werden sollen. Nee, Leute, das schaffe ich weder in diesem Leben, schon gar nicht in den nächsten Stunden. War Russisch in der DDR nicht die erste Fremdsprache, die 20 Millionen Menschen 6 Jahre durchgezogen haben, und sie nach 1989 ganz schnell wieder vergaßen … weil sie so schwer zu behalten ist?


Selbstverständlich habe ich die wahren Attraktionen der Stadt bereits im Augenwinkel wahr genommen, aber dazu erst später mehr.

Die 17 Kilometer lange Fahrt vom Flughafen Polkowo II ins Zentrum ist gesäumt von Werbetafeln und dick-und-fett beschrifteten Unternehmen: Ikea, Obi, Samsung, … Hey, das versteh’ ich, das kann ich was lesen. Meine Augen klammern sich an vertraute Schriftzüge: Coca Cola, Canon, Hewlett-Packard, … Den Rest entziffere ich wie ein Erstklässler. (Morgen mehr)

Payback- und Meilen-Jäger könnten auf die Idee kommen, dass man im Cafe »Mocca Club« ganz viele Punkte sammeln kann … ohne zu bezahlen. Falsch. Der Buchstabe hinter den Ziffern ist überhaupt kein p, sondern ein kyrillisches R (p), das für Rubel steht. 100 Rubel sind rund 3 €.

100 Beste Edition: Band 16 ist da!

Heute erscheint Band 16 der von FontShop ins Leben gerufenen 100 Beste Schriften Edition: Bell OT (Edition-Bestellseite für Neuabonnenten und Einzelkäufer). Auf der CD befinden sich 2 Bell-Familien: Bell Gothic (3 Schnitte) und Bell Centennial (5 Schnitte). Zum ersten Mal werden beide Bell-Familien in einem Paket angeboten, und das zum Vorzugspreis.

1937 trat die Bell Telephone Company (später AT&T) an den Schriftentwerfer Chauncey H. Griffith heran, um eine neue Telefonbuchschrift in Auftrag zu geben: Bell Gothic, erschienen ein Jahr später. 40 Jahre war sie bei AT&T im Einsatz. Anfang der 90er Jahre erlebte die Schrift eine Wiedergeburt durch die Verwendung angesehener Designer (Bruce Mau, Irma Boom) und Einrichtungen, darunter die Cranbook Academy of Art, die Design Academy Eindhoven und die Rhode Island School of Design..

Zum 100. Geburtstag im Jahr 1978 beschert sich AT&T ein Redesign ihrer Telefonbuch-Schrift. Matthew Carter entwickelt zwischen 1975 und 1978 die raffinierte Bell Centennial, wobei er die Lesbarkeit der Nachschlagewerke entscheidend verbesserte. Extreme Einschnitte und die großen Innenräume der Buchstaben garantierten ihre Unversehrtheit, trotz Schnelldruck und schlechtem Papier. Darüber hinaus führt er zwei neue Schnitte ein, um die Hierarchie der Text- und Zahlen-Informationen weiter zu verfeinern.

Der finanziell ertragreichste Coup ist die Einführung des Versal-Schnittes Bold Listing für gewerbliche Kunden, die für die Großdarstellung ihres Namens gerne eine Extra-Gebühr zahlen. Carter lässt die fetten Großbuchstaben einfach unterhalb der Grundlinie beginnen, wo sie den ungenutzten Raum für Unterlängen besetzen. Das Ergebnis ist eine 20 Prozent größerer typografischer Auftritt, bei unverändertem Zeilenabstand. Die Einnahmen aus diesem Kunstgriff machten die Investition in die neue Schrift zu einem Fall für die AT&T-Portokasse.

Der Band »Bell OT« der »100 Besten Edition« enthält Bell Gothic und Bell Centennial und kostet nur 199,– €. Bestellung hier auf dieser Seite. Abonnenten der Edition bekommen sie automatisch zugestellt und zahlen nur 178,– €.

Blogpremiere: Berlin aus der Sicht von Designern

Es scheint noch in Arbeit, doch der Grundstein ist gelegt und zu betrachten: das neue Weblog Berlin Is Better. Die Inhalte kommen zur Zeit aus den Büros von MetaDesign, Pixelpark, Coordination und Create Berlin. Von »Gestaltung« kann man bei der WordPress-Standardseite noch nicht reden … ich würde auch den großmauligen Titel ändern, falls das noch möglich ist.

Die Inhalte sind vielversprechend: Da gehen visuell orientierte Schreiber mit offenen Augen durch die Stadt und entdecken Neues aus Architektur, Mode, Museen, Parks und Shops in allen Stadtteilen. Die Seite kann eine Bereicherung der Spree-Blogosphäre werden.

Kostenlose o2-World-Kampagnenschrift

Kommentare im Fontblog lesen lohnt sich!

Kurz nachdem ich mich hocherfreut über die o2-World-Kampagnenschrift geäußert hatte, verkündete saberrider in Kommentar Nr. 7, dass er den Pixel-Font eben mal auf FontShops Fontstruct-Seite gebaut habe. Und wie jeder weiß, stehen Fontstruct-Schriften registrierten Usern jederzeit zum kostenlosen Download bereit.

Also: Holt Euch jetzt einfach die kostenlose o2-World-Kampagnenschrift.

Als nette Ergänzung bietet sich die Berlin Arena Redux von funk king an.

o2, Oâ‚‚, O-two … Oh no! oder …

… Der typografische Umgang mit der Marke O2
von Priska Wollein und Helmut Ness

Auf den ersten Blick scheint der Mobilanbieter mit den Sauerstoffbläschen in Sachen Markenname das große Los gezogen zu haben: kürzer und einprägsamer geht’s wohl kaum. Das O blubbert zudem ganz hübsch mit den Bläschen im Keyvisual und jeder, der die 8. Klassenstufe durchlaufen hat, müsste (laut Lehrplan) eins und eins zusammenzählen und das Versal-O mit der tiefgestellten Ziffer 2 sofort als die chemische Bezeichnung für Sauerstoff identifizieren können. Und davon kriegt man ja schließlich jede Menge, wenn man nicht mehr zuhause in der stickigen Bude telefonieren muss, sondern beispielsweise durch den Park schlendert dabei. Hier schließt sich der Kreis zur Mobiltelefonie – so weit, so gut. Das hatten sich die Verantwortlichen bei der Markenentwicklung seinerzeit wohl auch gedacht – Operation gelungen! Feierabend! – und haben kurz vor den entscheidenden typografischen Eingriffen einfach den Sauerstoff abgedreht.

Auf den ersten Blick scheint O2 die Sache den Umständen entsprechend gut überstanden zu haben und nur das geschulte Typo-Orthopädenauge erkennt den leichten Haltungsschaden: dem tiefgestellten, viel zu dünnen Light-Zweierlein droht neben dem etwas fettleibigen O die Luft auszugehen. O2 hinkt jedoch nicht nur in dieser Hinsicht. Im Alltag zeigt sich, dass der Telekom-Marke viele typografische Betätigungen, die andere Brands problemlos meistern, erhebliche Schwierigkeiten bereiten. In erster Linie wohl, weil das tiefgestellte Zweierlein in vielen Anwendungen einfach nicht kann.

Schauen wir derzeit ins Stadtbild von Berlin: O2-World – all over the place. Und nicht nur die Werbeflächen künden von der neuen Event-Halle am Ostbahnhof, nein, auch die offizielle Straßenbeschilderung muss sich dafür ins Zeug legen. Mit der DIN scheint O2 aber wohl gar nicht zu können – oder die Berliner Schildermacher können nicht mit der DIN und O2. Es trägt die Symptome der typografischen Inkonsistenz offen zur Schau: o2 steht da. Vermutlich damit keiner das O mit der 0 verwechselt und dann überhaupt nicht mehr weiß, mit wem er es hier zu tun hat. Die gleiche Behinderung macht O2 beim Providerlogo auf dem Handydisplay zu schaffen. Da kommt das Zweierlein auch beim besten Willen nicht runter. Folge auch hier: das wenig elegante o2, das mit Sauerstoff so viel zu tun hat wie ein Zwiebelturm mit einem Zwiebelkuchen – gar nix.

Wie O2 im Web klar kommt, wollten wir eigentlich besser gar nicht wissen. Doch bekommt die Diagnose des Krankheitsbildes von O2 auf der eigenen deutschen Website plötzlich eine völlig neue Wendung: O2 kann, wenn es will! Bei den Navigationsreitern kommt das Zweierlein so runter, dass es eine typografische Freude ist. Und das sogar in der Systemschrift. Aber es scheint eben nicht immer zu wollen. Denn auf dem Rest der Seite vollführt es dann wieder die typografisch unmöglichsten Verrenkungen ohne erkennbare Motivation. Mal groß/klein dann wieder klein/groß â€“ einfach alles durcheinander. Typografisch inkontinent. Vielleicht also doch eher ein psychisches Problem? O2 in die Branding-Reha? Oder doch besser erstmal auf die Typoanalyse-Couch?

Bis das endgültig geklärt ist, könnte man den Problemen der typografischen Darstellbarkeit des Markennamens vielleicht mit »The phone company normally known as the oxygene symbol« begegnen. Obwohl das die Berliner Schildermacher dann vor neue Probleme stellt …

Ein iPhone richtig auf den Tisch legen

Eine neue Folge aus meiner Serie »Dinge, die alle falsch machen« (Teil 1: Vom richtigen Auspacken eines FontBooks; eine gemeine Fälschung meiner Serie auf dieser Seite).

Vorgestern hat Apple den neuen iPod Touch vorgestellt, und wieder bemängeln Kritiker zu Recht die zwar schön anzusehende aber extrem empfindliche Rückseite des Gerätes, die schnell Kratzer aufweisen wird. Das ist ein (wahrscheinlich beabsichtigter) Nebeneffekt des smarten Apple-Designs, der den Wiederverkaufswert der tragbaren Geräte schnell sinken lässt und die Erlöse auf dem Ebay-Gebrauchtmarkt drosselt.

Vor diesem Hintergrund besteht auch von Seiten des Herstellers keine Interesse daran, das richtige Ablegen eines iPod Touch oder eines iPhones in einem der vielen Erläuterungsvideos zu demonstrieren. Also mach ich das mal kurz zwischendurch.

Immer wieder beobachte ich in Gaststätten, im öffentlichen Nahverkehr oder in Konferenzräumen, dass iPhones »mit dem Gesicht nach oben« abgelegt werden. Damit lagern sie auf ihrer empfindlichsten Seite, und es werden nur wenige Tage nach dem Kauf vergehen, bis man die ersten Kratzer auf der Rückseite entdecken kann.

Tatsächlich sollten iPhone und iPod Touch auf die gehärtete Glasfront gelegt werden, die weder mit einem Schraubenzieher noch mit einem Messer zerkratzt werden kann. Des weiteren bleiben bei dieser Ablagemethode spontan eintreffende persönliche Mitteilungen (Anrufe, SMS, Kalender-Erinnerungen, …) vor den Augen der Nachbarn verborgen. Es liegt auch sicherer auf der absolut planen Screenfläche, während es – auf der gewölbten Rückseite lagernd – bei einem Vibrationsalarm schnell mal Richtung Tischkante tänzeln kann. Das Aufnehmen (= Abheben) des iPhone funktioniert aus der »Bauchlage« mit einer ganz natürlichen Handbewegung.

Schließlich ist der Touchscreen von iPhone und iPod mit einer Art Stoßstange umfangen (Chrom), die beim Ablegen die Ecken sicher schützt.

Diese Hinweise gelten für iPhone Generation 1 und 3G, sowie für iPod Touch Generation 1 und 2 und natürlich auch für Gerrits Befreiphone.

Typografie-Professor, dringend gesucht

Die Gänsehaut-Typografie der O2-World-Kampagne

Gestern Abend eröffnete Berlins größte Veranstaltungshalle ihr Pforten: die O2 World Arena. Bauherr ist die US-amerikanische Anschutz Entertainment Group, die weltweit Veranstaltungsstätten betreibt und eine der führenden Unternehmen in Live Entertainment und Sport ist. Das Gebäude entstand in nur zwei Jahren auf einem ehemaligen Bahngelände in Friedrichshain. Es ist des erste Objekt eines Investorenprojekts namens »Mediaspree«, das Kommunikations- und Medienunternehmen entlang des Spreeufers anzusiedeln versucht und diesen Bereich entsprechend umstrukturieren möchte. Eine Bürgerinitiative (»Mediaspree versenken«) wehrt sich gegen diese Pläne.

Die Anschutz-Arena ist das erste Veranstaltungsgebäude Deutschlands, das konsequent multimedial vermarktet wird – ja sich selbst als Multimedia-Objekt ins Gespräch bringt. Schon seit Monaten machen 3 überdimensionale LED-Bildschirme im Bezirk auf das Programm der Arena aufmerksam, wo auch die beiden Sportvereine ALBA Berlin (Basketball) und Eisbären Berlin (Eishockey) zukünftig ihre Heimspiele austragen werden.

Prägend für das äußere Erscheinungsbild der O2 World ist eine gewölbte Glasfassade rund um den Haupteingangsbereich. In dessen Zentrum befindet sich eine 1500 Quadratmeter große LED-Installation mit 300.000 Lichtpunkten, die bei Einbruch der Dämmerung die Fassade in einen riesigen Widescreen-Bildschirm verwandelt, der mit Texten, Bildern oder Filmen bespielt werden kann.

Wie in Sportarenen dieser Dimension üblich, hängt über der Spielfläche (beziehungsweise dem Konzertraum) in 14 Metern Höhe ein achteckiger LED-Videowürfel. Er ist rund viereinhalb Meter hoch und hat einen Durchmesser von 12,60 Metern. Hier können Bilder aus vier unterschiedlichen Kameraeinstellungen gleichzeitig gezeigt werden. Bei Sportveranstaltungen dient der LED-Würfel zusätzlich als Anzeigetafel.

Die Werbung für die erste »leuchtenden Arena« in der Hauptstadt greift geschickt die LED- und Screen-Ästhetik auf, durch die der Multifunktionsbau auf sich aufmerksam macht. Die Matrix-Schrift in den Headlines von 02-World-Großflächen- und -City-Plakaten passt vorzüglich zum Sujet. Dabei haben es sich die Gestalter nicht leicht gemacht, denn die Kampagnenschrift scheint – nach meinen ersten erfolglosen Recherchen – maßgeschneidert; jedenfalls konnte ich in den Beständen des FontShops keine Punktmatrix-Schrift finden, die auf einem 5 x 12 Pixel-Raster basiert.

Selbst wenn es eine solche Schrift im PostScript- oder OpenType-Format gibt oder gäbe, ist sie für die Kampagne in Photoshop überaus raffiniert mit Verläufen und Überstrahlungen inszeniert. Das nenne ich typografische Spitzenqualität.

Ganz im Gegensatz dazu der typografische Auftritt des O2-Logos, das morgen von zwei führenden deutschen Corporate-Designern im Rahmen unseres Designdiskurses am Freitag auseinander genommen wird.

Abbildungen: O2 world (1), Fontblog (3)