Warum die Eitelkeit mancher Designer uns allen dient
von Johannes Erler (Factor Design; Foto: Bruno Passigatti)
Ich bekenne mich schuldig! Schuldig, der Eitelkeit, der Vetternwirtschaft, der Angeberei und des Neids. Denn ich nehme an Wettbewerben teil, gewinne jede Menge Preise und werbe dann auch noch für unser Büro damit! Ich bin auch in ganz vielen Jurys … und so kommt dann, man weiß das ja genau, eins zum anderen. Und wenn ich gefragt werde, etwas zu sagen oder zu schreiben, dann mach ich das auch gleich, weil es gut für mich ist. Ich bin ein ›selbstverliebter Designerarsch‹, tuschelt man hinter vorgehaltener Hand, aber das ist mir wurscht, Hauptsache der Laden brummt und ich werde zu Preisverleihungen eingeladen.
Kollege Hickmann ist auch so ein Gockel, eine richtige Rampensau! Und Spiekermann ist der Allerschlimmste, der hat zu allem was zu sagen, auch wenn niemand das wissen will. Oder, hier: Sagmeister … oh Gott, der lässt nun wirklich kein Podium aus. Obwohl … der ist auch richtig gut, der darf das. Wie Brody, der Flüsterer, das soziale Gewissen des Grafikdesign. Schon mal darüber nachgedacht, dass der Mann eine perfekte PR-Maschine ist? Wofür ich ihm übrigens verdammt dankbar bin, denn kaum ein anderer hat unseren Beruf im öffentlichen Ansehen der letzten 20 Jahre mehr gestärkt.

Wo wird da nun die Grenze gezogen? Wann hat man einen Preis verdient und wann nicht? Wann ist man eitel und wann dient man der Sache? Können wir uns nicht auch mal bei denen Bedanken, die die Qualität besitzen und die Courage haben, das, was uns wichtig ist – nämlich gutes Kommunikationsdesign – in die Öffentlichkeit zu tragen? Wann hilft man allen, wann nur sich selbst?
Meine Antwort kommt aus dem Bauch. Parameter für richtig oder falsch gibt es nicht. Und damit wohl auch kein Ende der Diskussion. Irgendwie hat man im Gefühl, dass da jemand zu weit geht und dann sagt man ihm das, kurz und knapp. Kann mal passieren (die meisten sind übrigens eher dankbar für so einen Hinweis). Klar gibt es Wiederholungstäter, Profilneurotiker, Egomanen, aber die entlarven sich doch über kurz oder lang von ganz allein. Und schaut mal bitte genau hin: viele von denen, die besonders gern gedisst werden, liefern in der Regel richtig gute Arbeit ab. Und zwar kontinuierlich. Besteht da ein Zusammenhang? Ist es doch nur Neid?
Das deutsche Wettbewerbswesen ist krank – OK, eine ganz andere Diskussion. Trotzdem bleibt es einer der wenigen Kanäle, über die man überhaupt auf sich aufmerksam machen kann. Und es funktioniert. Mein Büro ist das beste Beispiel. PR in eigener Sache ist schwierig in der Branche. Zu viele Schaumschläger beschädigen kontinuierlich das Ansehen unseres Berufes. Jeder ist ein Designer. Design ist austauschbar, ist Oberfläche, ist Verzierung, braucht eigentlich niemand. Das ist natürlich Quatsch, aber es ist so mühsam, Deutschland und die Welt vom Gegenteil zu überzeugen. Nur: Dafür muss man manchmal ein bisschen mehr Wind machen, denn von nix kommt nix.
Ich gratuliere also jetzt schon dem Designer, der unserem Bundespräsidenten als erster die Hand schütteln darf. Und sage voraus, dass genau dieser Designer fortan ein echtes Imageproblem in der Branche haben wird. Wetten?!
PS: wir haben mit Factor Design gerade wieder vier Auszeichnungen beim Deutschen Preis für Corporate Design gewonnen. Super, oder?