Vor 30 Jahren gestaltete Peter Saville sein erstes Plakat für einen Clubabend. Heute gehört der britische Grafikdesigner zu den Leitfiguren der Branche. Als Mitbegründer von Factory-Records verlieh Saville der Post-Punk-Szene einen kühle Identity. Das Kunstmagazin art traf Saville in Berlin und sprach mit ihm über Freiheit im Design und die Ästhetik des Zufalls. Die art-Redaktion lädt die Fontblog-Leser im Rahmen der neuen Serie Designdiskurs exklusiv dazu ein, Savilles Thesen hier zu diskutieren. Danke an Alain Bieber, art, Hamburg.

Peter Saville in seinem Büro (Abb. aus Peter Saville: Estate, jrp|ringier, Zürich, 2008)
Über den Beginn seiner Karriere beim Musik-Label Factory erinnert sich Peter Saville:
»Ich machte das, was mir gefiel.« worauf art provokativ nachfragt, ob ihn diese Freiheit für den Rest seiner Karriere verdorben habe. »Ja, in der Tat. Ich war genug Grafikdesigner, um zu wissen, dass all dies nichts mit herkömmlichem Kommunikationsdesign zu tun hatte. Kommunikationsdesign richtet sich an andere und ist für andere gemacht. Das Wort existiert überhaupt nicht, bis jemand ein Problem hat, und möglicherweise ein Publikum. Aber zunächst muss man ein Problem haben. Wenn man Grafikdesignern sagt: ›Mach was Du willst‹, tendieren sie dazu, Kalender oder Alphabete zu produzieren. Die wissen einfach nicht, was Sie tun sollen, wenn man ihnen keine Botschaft gibt.«
Demnach sei, so art, das Ende von Factory Anfang der 90er auch das Ende von Savilles selbstbestimmten Arbeitsweise. »Im Prinzip ja …«, doch der Stardesigner schränkt ein: »Die Möglichkeit des freien Ausdrucks im Kommunikationsdesign ist möglich, wenn der Auftraggeber und man selbst auf derselben Wellenlänge sind. … Ein Projekt, dass ich mit dem Modemacher Yohji Yamamoto 1991 verwirklichte, fühlte sich sehr viel angemessener an als das meiste, was ich zu dieser Zeit noch machte. Da ging es um Konsum und Kommodifizierung – der Titel war ›Game over‹. …
Anfang der Neunziger hatte Yamamoto einen nichtmaterialistischen Ansatz. Er stellte ganz demonstrativ klar: Ich habe genug, ich glaube nicht mehr an diesen Warenkult. Er entwarf eine ganze Kollektion aus Holz! Man konnte das nicht tragen. Das war ein bewusstes Statement: Du kannst es nicht tragen, also kauf es nicht. Wir rauschten direkt in eine Rezession, genau so wie heute wieder. Dieser ganze Achtziger-Design-Exzess war vorbei und sah einfach nur noch lächerlich aus. Lustigerweise waren diese Holz-Kleider sehr beliebt bei Architekten. Die kauften diese Sachen und hängten sie in ihre Studios.«
Letzte Frage: Wie wichtig sind Ihnen Zufälle in ihrer Praxis? »Die Möglichkeit, zu spielen und zu experimentieren, auch, dass Sachen schiefgehen, ist wirklich wichtig. Aber im professionellen Bereich passiert das nicht sehr oft. Die absolut schockierendste Einsicht, die ich im Bereich der kommerziellen Werbefotografie machte, war folgende: Die Agentur präsentiert dem Kunden eine Lösung als Visual, und das ist exakt das, was dann fotografiert werden muss.
Während des Shootings passieren oft großartige Dinge, Zufälle, manches funktioniert nicht, anderes wiederum ganz gut – die Sache verändert sich also. Aber das kann die Agentur dem Kunden nicht zeigen. Wenn man fragt, warum es nicht geht, lautet die Antwort: Letzte Woche haben wir dem Kunden dieses Bild als Lösung zum Problem präsentiert. Wenn wir nun etwas Neues präsentieren, verwirren wir nur den Kunden. Wir müssen bei der ersten Lösung bleiben.
Entschuldigung, aber ich kann so nicht arbeiten. Ich dachte immer, Professionalismus bedeutet, dass man die Sachen besonders gut macht. Doch das stimmt überhaupt nicht. Professionalismus bedeutet, eine Aufgabe kommerziell und effektiv zu erledigen. Aber interessant ist das nicht.«