Artikel im Dezember 2007


Wkk 12: PAGE

wkk schmidt

Bei der Weihnachtskarte der Zeitschrift PAGE liegt der Fall ähnlich wie beim Wettbewerber form (Wkk 9): Die Grüße entsprechen nicht dem Niveau, das die Magazine auszeichnet. Nun muss man entschuldigend dazusagen, dass die offiziellen Absender in beiden Fällen nicht die Magazine, sondern deren Verlage sind. Doch wer kennt eigentlich den (jungen) Page Verlag? Und so dauerte es eine Weile, bis ich verstanden habe, wer mir »frohe Weihnachtstage« wünscht.

Die Reihenfolge der Kartenentfaltung:
Karte dem Umschlag entnehmen, die erste – leicht triviale Botschaft – lesen: »2007 – Das Jahr klingt aus, wir wünschen frohe Weihnachtstage.« Aufklappen. Pergament mit spiegelverkehrt durchscheinendem Text drehen und wenden. Die zweite Botschaft lesen: »2008 – Wir freuen uns auf ein Jahr guter Zusammenarbeit, verbunden mit den besten Wünschen.« Drei Unterschriften, unpersönlich angeordnet wie unter einem Vertragswerk. Und da, rechts, der Absender.

Geschäftliche Weihnachtspost ist Marketing pur. Darum sollte die Marke im Vordergrund stehen (PAGE), nicht der Verlag. Und wenn die Marke sich durch eine kompetente Berichterstattung über die besten Illustratoren, die tollsten Fotografen, die schönsten Papiere und die überraschendsten Designagenturen auszeichnet – ja, das leistet PAGE ganz vorzügliche, dann sollten diese Kompetenzfunken auch auf die Weihnachtskarte überspringen. Gute Gestaltung kostet, in dieser Disziplin, keinen Cent mehr als schlechte Gestaltung.

Ein letztes Wort zur Zweiteiligkeit: Bei uns auf dem Foyer-Tresen liegen rund 100 Weihnachtskarten, die täglich von Mitarbeitern gewendet werden. Die PAGE-Karte hat sich schon eine Stunde nach ihrem Eintreffen in einen nichtssagenden Mantel (1) und einen schlabberigen, unverständlichen Pergamentgruß (2) zerteilt … nur ein Tacker hilft, die beiden Botschaften wieder zu verschweißen.

Fazit:
+ (keine positiven Punkte)
- langweilige Gestaltung, zweiteilig (= Verstoß gegen Regel 4, »herausfallenden Teile«)
- 1 Punkt

Geschenktipp 21: Weidemanns very beste Reden

Petra Kiedaisch, Geschäftsführerin des Verlags avedition, schreibt mir: »Anlässlich des 85. Geburtstags von Kurt Weidemann am 15. 12. 07 ist in der avedition eine Collectors Box mit Doppel-Vinyl-LP, Hörbuch auf CD und Booklet erschienen.« (Hochwertiger Schuber in Perlmutt-Krokoleder-Optik, 32 x 32 cm, 99,– €). Ihre Pressemitteilung erfreut mich mit der wunderbaren Überschrift: »Verehrte Damen, meine Herren … es spricht: Kurt Weidemann. The very best of Reden & Texte.«

Wie kaum ein anderer Gestalter prägte Kurt Weidemann in den 70er und 80er Jahren das internationale Bild von Typografie »Made in Germany«. Doch Weidemann ist mehr als Typograf: Beliebt und geschätzt als Redner und Laudator, Juror und Professor, Mentor und Berater, Autor und Kommentator hat er rückblickend rund 300 Reden gehalten und Aufsätze geschrieben.

»Die CD bringt in vier Kapiteln ein »Best of« seiner Reden, Vorlesungen, Aphorismen und persönlichen Erlebnisse zu Gehör. Die LP spielt den ersten und einmaligen Kurt-Rap mit dem Titel ›85 KW‹ und das beiliegende Booklet ist eine amüsante visuelle Reise durch Kurts privates, noch unveröffentlichtes Fotoarchiv. Ein Muss für alle Fans, Freunde und Feintypografen!« schreibt Petra Kiedaisch.

Das Problem des nahenden Heiligabend: Bestellungen müssen ganz schnell per Email an kontakt@avedition.de gesendet werden … was echte Weidemann-Fans natürlich nicht abschreckt.

FontStars unter der Expertenlupe

Die von FontShop Berlin ins Leben gerufene FontStars-2007-CD (Erstvorstellung) wird bald auch in den USA herauskommen. In den letzten Tagen haben sich zwei europäische Schriftexperten ausführlicher mit der Idee beschäftigt: Yves Peters auf Unzipped und Ivo Gabrowitsch auf Fontwerk. Ivos Fazit: »Wer schon lange nach einem günstigen Paket neuerer oder gar neuester Schriften sucht, die das Gros der täglichen Designanforderungen befriedigen können, sollte hier unbedingt zuschlagen.«

Weitere Infos uns Bestellung: www.fontshop.de/fontstars2007

Geschenktipp 20: Künstlerkinderbuch »Billy«

Das Offenbacher Klingspor-Museum beherbergt seit vielen Jahren einen ungehobenen Schatz: das typografisch gestaltete Kinderbuch »Billy«. Geschaffen wurde der Entwurf von der jüdischen Illustratorin Kate (Käte) Steinitz. Ihr Stil knüpft an den Dadaismus an.

In dem 1936 im New Yorker Exil entstandenen Werk zeichnet und beschreibt sie Geschichten, die der New Yorker Junge Billy auf einer Eisenbahnreise erlebt. Der Zwölfjährige ist fasziniert von den Zügen, die an seiner Wohnung vorbeifahren. Von seinem Onkel bekommt er zu Weihnachten eine Spielzeugeisenbahn geschenkt, und in den Ferien fährt er mit ihm und der Mutter mit der Eisenbahn aufs Land.

Die 30 Billy-Blätter sind jetzt im Frankfurter Insel-Verlag erstmals als Faksimiledruck in Buchform erschienen. Die Zeichnungen sind mit Bleistift und rotem Buntstift auf Transparentpapier ausgeführt. Der englische Text ist handgeschrieben und macht durch die typografische Gestaltung die Bedeutung zum Gegenstand sinnlicher Erfahrung. Zum Beispiel wird ein »Tunnel« durch zahlreiche Us und Ns zum Buchstabentunnel geformt. Auch Geräusche werden mit Hilfe der Typografie erlebbar. Das Buch enthält einen Anhang und die deutsche Übersetzung der englischen Texte.

Käte Steinitz hatte in den 1920er Jahren zusammen mit Kurt Schwitters herausragende, experimentierfreudige Kinderbücher entworfen. »Der Hahnepeter« und »Die Scheuche« gehören zu den schönsten Publikationen, die der Dadaismus in Deutschland hervorgebracht hat. Daran schließt die Reiseerzählung des New Yorker Jungen Billy an. Noch bis zum 10. Februar 2008 sind im Klingspor-Museum die Originalzeichnungen als Teil der diesjährigen Internationalen Kinderbuchausstellung zu sehen. (Abbildungen ©: Suhrkamp Verlag und Klingspor-Museum)

Formular für Entschuldigungen

Die New Yorker Software- und Ideenschmiede Magnetism hat eine amüsante Online-Formularseite gegründet, die sich Bureau of Communication nennt. Hier liegen zur Zeit 5 Formulare zum Ausfüllen bereit, darunter eine wunderbare förmliche Entschuldigung (Formal Apology). Mein Vorschlag an Zweckform: ins Deutsche übersetzen, blau einfärben und nächstes Jahr zu Weihnachten als Block mit Durchschlag-Kopien herausbringen. Das wird genauso erfolgreich wie die Juxwörterbücher von Langenscheidt. (via Swissmiss)

Wkk 11: Verlag Hermann Schmidt Mainz

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Die Hausmitteilungen des Schmidt-Verlags halte ich nicht immer für gelungen. Darüber habe ich mit Karin Schmidt-Friderichs auch schon auf einer Buchmesse gesprochen. Unangenehm in Erinnerung sind mir ein Werbebrief kurz nach dem Tod von Hans Peter Willberg, die Begründung zum Verramschen des eBoy-Buches »Hello« und das öffentliche Krisenmanagement, nachdem ein Schmidt-Aushilfsfahrer enttarnt wurde, der Teile des Lieferguts bei eBay preiswert verhökerte.

Mal abgesehen von der Selbstbeweihräucherung (»Qualität von Schmidt«, »Typisch Schmidt«, »Schmidt eben«, TDC-, ADC-Preis-Verlautbarungen, …) … was mir wirklich missfällt ist der Angewohnheit, eigene Versäumnisse mit den Kunden zu teilen. Wir alle haben Verständnis für einen verspäteten Erscheinungstermin, dass gute Bücher ihren Preis haben und dass man ab und zu auch mal einen Flop landet. Die meisten Schmidt-Kunden sind Profis und kennen das aus eigener Erfahrung. Als Hauptgegenstand einer Kundenmitteilungen geben diese Geständnisse nicht viel her. Sie emotional aufzuladen schadet mehr als es hilft. Die Grenze nämlich, den Kunden (unbeabsichtigt) ins Gewissen zu reden, ist schnell überschritten.

Und so stimmt auch die E-Mail-Weihnachtskarte (Text und Bild), die Schmidt am Freitag an seine Direktkunden verschickte, nicht wirklich besinnlich. Es ist eigentlich gar keine, sondern eine Hausmitteilung – diesmal im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt zwei Sanierungen zu vermelden: »Zum neuen Jahr schenken wir Ihnen und uns einen Relaunch unserer Homepage www.typografie.de.« Da fragt man sich als Beschenketer natürlich: Gibt es Unternehmen, die für ihren Relaunch Eintritt verlangen? Oder kriegen die Schmidts gar ihren Relaunch geschenkt? Neid ;-)

Dann folgt eine fast intime Mitteilung: Die Schmidts bauen um. »Im neuen Look erscheint dann auch unser
Gebäude – nicht nur von außen. Wir unterziehen es einer kompletten Energiesanierung – unser Weihnachtsgeschenk an die Umwelt.« Warum erzählt man das seinen Kunden? Wo sie doch nach vielen aufklärenden Verlagsverzeichnis-Editorials gelernt haben, dass das Geschäft mit »gut gemachten Büchern« ein schweres ist. Die Antwort folgt im nächsten Satz: »Deswegen können wir im neuen Jahr leider erst wieder am 14. Januar 2008 für Sie da sein.« Und weiter: »In diesem Jahr führen wir Ihre Bestellungen noch bis zum 21.12. (13.00 Uhr) aus – falls Sie Ihre Lieben mit Schmidt-Titeln überraschen wollen!«.

Diese als Weihnachtspost getarnte E-Mail will alles: entschuldigen, danken, werben, Kaufdruck aufbauen, Eigeninteresse gegen Allgemeininteresse stellen, ein bisschen Politik, ein bisschen Umwelt, eine Prise schlechtes Gewissen verbreiten, ein gutes Gewissen schaffen, emotional sein, sachlich sein, … ein Wort hebt das andere auf. Was bleibt? Ratlosigkeit. Und der weihnachtliche Wahlspruch »Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind. Wir sehen die Dinge wie wir sind.« Der Satz macht mir Hoffnung und ich glaube jetzt ganz fest an diese Weisheit … im Sinne von: Ich sehe die Dinge mit meinen Augen … falsch.

Fazit:
+ (keine positiven Punkte)
- ambivalentes, moralisch aufgeladenes Werbe-Weihnachts-Öffnungszeiten-E-Mail
- 3 Punkte

Wunderbare Welt der Schriften 1991

Ralf Herrmann hat einen zauberhaften 30-minütigen Dokumentarfilm aufgestöbert: Font-City aus der Serie Computer Chronicles. Wir befinden uns im frühen Desktop-Publishing-Zeitalter und erleben die Einführung geglätteter Bildschirmschriften (dank Adobe Type Manager), die Geburt des TrueType-Formats, die Neuvorstellung der Multiple-Master-Idee und weitere »Meilensteine« der Schriftenwelt. Sehenswert …

Matrix der Bundle-Fonts

Der Web-Design-Berater Richard Rutter hat eine komplette Liste der Betriebssystem-Schriften (OS X und Windows) sowie der mit den Anwendungen MS Office und Adobe Creative Suite gelieferten Fonts erstellt (ohne Linux). Die Font-Matrix praktisches Tool für HTML- und CSS-Zaubermeister, die gerne mit Font-Stacks definieren.

Musik-aus-Text-Generator

Die beliebte Type-foundry P22 hat ein Weihnachtsgeschenk für uns alle veröffentlicht, den Music Text Composition Generator. Die 1997 für den John Cage Trust entwickelte Software ist erstmals online für alle zugänglich (Voraussetzungen: QuickTime-Plug-In und Flash Player 9). Die Anwendung verwandelt jeden beliebigen Text in ein Musikstück, das man auf seinen Rechner laden kann. Als Klangfarben stehen verschiedene Pianos, Spinett, Harfe, Glockenspiel, Jazz-Gitarre und 50 weitere Instrumente zur Verfügung.

Wkk 10: Wissen Media Verlag

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Die Wissen Media Verlag GmbH wurde 1952 gegründet und gehört zur Bertelsmann AG, genauer zur DirectGroup. Sie zählt zu den führenden Lexikonverlagen Europas (Bertelsmann Lexikon, Wahrig, Viamundo, Chronik, wissen.de …). Jährlich erscheinen im Wissen Media Verlag rund 100 gedruckte Titel sowie elektronische Medien. Der Verlag sitzt in Gütersloh und hat ca. 70 Mitarbeiter (Stand 2006).

Ein europaweit führender Lexikonverlag hat sicherlich gute Kontakte zu Illustratoren und Bildagenturen. Ganz zu schweigen von leistungsfähigen Druckereien. Und nicht zuletzt sollten die verlagseigenen Nachschlagewerke die beste Garantie dafür sein, die wenigen Sätze einer Grußkarte fehlerfrei zu Paper zu bringen. Weit gefehlt.

Das Bildmotiv im Inneren der Faltkarte (ein Selfmailer) zeigt eine Collage aus Foto, Illustration und eigenen Produkten. Statt in einen stimmungsvollen winterlichen Wald blicken wir auf eine verschneite Nutzholzplantage. Dort hineingezeichnet: ein Weihnachtsmann mit leeren Augen und ein gläsern dreinblickender Elch, dessen Geweih vier Adventskerzen zieren. Die Taschen des (gezeichneten) Weihnachtsmannes sind mit 4 (fotografierten) Nachschlagewerken des Wissen Media Verlags gefüllt. In der rechten unteren Ecke steht eine 2007 – mehr nicht.

Über dieser Illustration liegt ein Pergamentzettelchen mit Weihnachts- und Neujahrsgrüßen sowie dem bemerkenswerten Satz: »Wie jedes Jahr spendet der Wissen Media Verlag statt Geschenken für einen guten Zweck« (kein Punkt).

Die Karte, die auch gleichzeitig Umschlag ist, wurde zweiseitig digital gedruckt, mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass die (empfindliche) rote Umschlagsseite mit deutlichen Transportspuren beim Empfänger ankommt und aussieht wie »schon mal gelesen«.

Fazit:
+ (keine positiven Punkte)
- beliebig und unverbindlich (Regel 06 und 03)
- 1 Punkt

Swisscom mit animiertem Logo

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Das Schweizer Telekomkonzern Swisscom präsentierte am Freitag ein neues Erscheinungsbild, mit dem er ab dem ersten Quartal 2008 auftreten will. Im Zentrum des neuen Auftritts steht ein animiertes Logo – ein Novum für die Branche, wie die Swisscom in ihrer Pressenotiz festhält. Das Erscheinungsbild wurde gemeinsam mit der Londoner Agentur Moving Brands und dem Schweizer Typografen Bruno Maag entwickelt.Hintergrund für den visuellen Neustart ist der Konzernumbau. Anstatt mit den bisherigen Gruppengesellschaften Fixnet, Mobile und Solutions tritt Swisscom jetzt mit den Geschäftsbereichen Privatkunden, Kleine & Mittlere Unternehmen und Großunternehmen auf. Die Marken Swisscom Fixnet, Swisscom Mobile und Swisscom Solutions sowie Bluewin fallen weg bzw. verlieren ihre Eigenständigkeit.

Wer stoppt den Hollywood-Font Trajan

Ralf Herrmanns flickr-Account quillt über mit Filmplakaten, die aus Trajan gesetzt sind. Die US-Video-Site goodiebag.tv kann Trajan auch nicht mehr sehen und beklagt sich über die typografische Monokultur in Hollywood mit dem Beitrag Trajan is the Movie Font, der auch auf YouTube anzusehen ist. Wer stoppt Trajan? Arnold Schwarzenegger vielleicht, bewaffnet mit einem 3 Kilo schweren FontBook?