Artikel im September 2007


Die Gründung des Forum Typografie 1984

Gründung Forum 1

Vor 23 Jahren tagte in der Kreuzberger Oranienstraße zum ersten Mal das Forum Typografie. Erik Spiekermann schrieb damals ein Manifest: »Wäre sie nicht in Irland entstanden, so könnte man sie als Schnapsidee bezeichnen: die Idee nämlich, alle Typomanen, Type-Directors, Typefreaks, Typophilen und so weiter ohne Organisation, Kassenwart, Statuten oder Maskottchen in einem Verein zu versammeln, der keiner ist und auch keiner sein will.

Weil diese Idee nun aber auf einer Informationsreise der Context-Gruppe mit Fachjournalisten entstand, die sich zwischen Shannon und Dublin abspielte, sollte sie ihren Platz vielleicht im Guinness Buch der Rekorde finden. Nach diversen Vor-, Fast- und Quasi-Gründungstreffen in Frankfurt, Berlin und Kettwig traf sich in Berlin nun der harte Kern, der weder Spesen noch Kollegenschelte fürchtete und dafür mit harter Arbeit, aber gutem Essen und Trinken in der Oranienstraße belohnt wurde; Berlin Kreuzberg, zweiter Hinterhof, Fabriketage, Maleratelier.«

Gründung Forum 2

Spiekermanns Manifest endet mit den Worten: »Das Forum Typografie lebt! … Ein Protokoll sofot nach dem Treffen wäre nun wirklich verschwendet gewesen – da konnten sich doch alle selbst noch gut genug erinnern.«

Zum Glück gab es Teilnehmer, die fotografiert haben. Unter anderem Suzu Pahlke, die sich jüngst in einer anderen Angelegenheit an FontShop wendete und sich dabei an die Ereignisse aus 1984 erinnerte. Das Plakat mit dem Manifest hat sie noch heute, und die Fotos stellte sie mir zur Veröffentlichung im Fontblog zur Verfügung.

7 Sieger beim Adobe Website-Award 2007

Eine Fachjury hat entschieden und hunderte von Online-Bewertungen gaben zusätzlich den Ausschlag. Am Ende war das Ergebnis denkbar knapp, der Adobe Best CustomerSite Award 2007 war ein Wimpernschlag-Finale. Den 1. Platz belegt die Microsite Audi A4 Global Drives, eine spannende Kombination aus interaktiver Community und realem Fahrerlebnis rund um den Audi A4. Das Herzstück der aufwendig produzierten Website ist ein Routenplaner, der auf neuartigen Technologien wie Microsoft MapPoint und Virtual Earth basiert. Dabei können Nutzer ihre individuelle Traumroute zusammenstellen und – falls sie gewinnen – auch erleben. Der 2. Preis geht an MBS5 für eine Fachanwendung, mit der sich Großküchen-Menüs organisieren lassen, von der Nährwertermittlung bis zur Bestellung (Demo ansehen). Platz 3 belegt das Zweite Deutsche Fernsehen für seine auf der IFA vorgestellte ZDF-Mediathek. Die weiteren Preisträger: Techniker Krankenkasse, Adidas, Öhlbach und Raffl’s Hotel St. Anton.

Prix Charles Peignot für Christian Schwartz

Der angesehene Prix Charles Peignot der Association Typographique Internationale (ATypI) wurde gestern auf der ATypI-Jahreskonferenz im britischen Brighton an den New Yorker Schriftentwerfer Christian Schwartz verliehen. Er ist der 8. Preisträger seit Einführung der Ehrung 1982, mit der Typedesigner unter 35 Jahren gewürdigt werden.

Neben seinen eigenen Entwürfen (zum Beispiel Amplitude, FF Bau und Los Feliz) digitalisierte Schwartz viele Fremdschriften, z. B. Erik Spiekermanns FF Unit und die ebenfalls preisgekrönte Bahn-Schrift. Kaum jemand ist produktiver: Vor kurzem hat er den britischen Guardian mit 96 Schriftschnitten aufgepeppt. Schwartz arbeitete bei FontBureau und MetaDesign, bevor er 2003 sein eigenes Büro in New York gründete.

Übrigens: Am Rande der Preisverleihung konnte ich Christian Schwartz für einen Auftritt auf unserer TYPO 2008 gewinnen.

Norisbank ist wieder da

Im November 2006 hat die Deutsche Bank die Filialen der Norisbank mit ihrer Kundendatei, der Marke und der Internetplattform erworben, um ihren Marktanteil auf dem umkämpften deutschen Privatkundenmarkt auszubauen (Fontblog berichtete). Am Samstag ging die »neue« Norisbank – mit einem Vierteljahr Verspätung – an den Start. Unter dem Motto »geht doch!« präsentiert sich die aufgefrischte Marke nun in rot statt blau, mit der Schrift FF Dax als Corporate Font und dem – unveränderten – »Strandball« im Namenszug.

FontShop senkt Schriftenpreise

Wegen des starken Euro hat FontShop in der vergangenen Woche die Schriften aller Hersteller, die wir in Dollar einkaufen, um durchschnittlich 25 Prozent gesenkt; gemeinsam mit anderen Preisbereinigungen ergeben sich für manche Familien sogar Preissenkungen um über 50 Prozent.

Die Hersteller/Bibliotheken im einzelnen:
Altered Ego (AO): ø 25 %, max. 51 % (120 € –> 59 €)
Baseline (BL): ø 27 %, max. 65 % (169 € –> 59 €)
Electric Typographer (ET): ø 22 %, max. 26 % (160 € –> 119 €)
Letter Perfect (LP): ø 16 %, max. 51 % (79 € –> 39 €)
ShinnType (NS): ø 15 %, max. 26 % (39 € –> 29 €)
P22 (PY): ø 15 %, max. 20 % (49 € –> 39 €)
Richard Beatty (RB): ø 15 %, max. 18 % (109 € –> 89 €)
Typebox (TY): ø 29 %, max. 36 % (45 € –> 29 €)
Stylus (SF): ø 25 %, max. 28 % (40 € –> 29 €)

Die Tageszeitung der Zukunft

In einer Sonderausgabe geht die taz am morgigen Samstag (15. September) der Frage nach: Wie sieht die Zukunft der Tageszeitung aus? Die Journalistin Wibke Bruhns und der Publizist Klaus Harpprecht schreiben exklusiv in dieser ungewöhnlichen Ausgabe; die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Katrin Passig verfasst einen Essay und der Schweizer Verleger Michael Ringier gibt ein Interview. Die Fotografie kommt von Peter Piller und Barbara Klemm. Der angesehene Grafikdesigner Mirko Borsche (Visual Leader 2007) gestaltet die Zukunftstaz, gemeinsam mit Markus Rasp.

Bob Dylan als Fontblog-Fan

Es war eines der ersten Musikvideos überhaupt, und typografisch dazu: Bob Dylans »Subterranean Homesick Blues«, 1965 unter der Regie von Don Pennebaker entstanden, der Dylan auf einer Tournee begleitete. Nun kann man dieses Video auf Bob Dylans Homepage mit eigenen Texttafeln untertiteln. Großartig. Der Werbeblogger schreibt zu Recht: »Endlich mal jemand, der es wirklich verstanden hat, wie man sympathischen Buzz mit Markenkern und Verkaufsförderung, aber vor allem ohne gekünsteltes Push-Element kombiniert. Ich bin einfach nur begeistert.« Ich auch.

Das erste Schriftmuster zum Anziehen

Das Schriftenlabel BuyMyFonts.com ist stolz, heute die erfolgreiche Herstellung des ersten tragbaren Schriftmusters der Welt zu verkünden. »Es handelt sich um ein bildhübsches weißes Hemd auf dem alle 648 Schriftschnitte der rekordverdächtige Font-Familie BMF Elettriche MTS 1.0 Platz finden. Verantwortlich für Entwurf und Realisierung ist die in Berlin lebenden Designerin Imme Leonardi. Das Kleidungstück kann morgen, 14. September 2007, bei der ATypI in Brighton von Alessio Leonardi getragen, bewundert werden.«

Ich werde mir das genau ansehen, Alessio. Ist es eine Individualanfertigung, oder gibt es das zu kaufen?

Jetzt aber: Besser kommentieren im Fontblog

Ivo und Jochen haben geschraubt, Öl gewechelt und gelötet: Jetzt sollte das Einbetten von Bildern in Fontblog-Kommentaren funktionieren. Die richtige Code-Zeile steht auf der Info-Seite, ganz unten. Um diese Funktion gleich einem Massentest zu unterziehen, bitte ich um das Hochladen eines Screenshot-Ausschnitts (444 Pixel breit) Eurer aktuellen Beschäftigung. Ich mache den Anfang …

… und stelle gerade fest, dass manchma die Vorschau nicht funktioniert … nach dem Veröffentlichen das Bild aber doch da ist.

Neues PayPal-Logo in 7 Schritten

Nein, das hier ist nicht das neue Logo des Online-Bezahldienstes PayPal (schön wär’s). Es ist Schritt 4 einer nicht ganz ernst gemeinten Metamorphose, mit der sich Brand New über das lächerliche Redesign des PayPal-Logos lustig macht. Wahrscheinlich ist für die Verschlimmbesserung auch noch richtig viel Kohle geflossen.

Jenapharm: neues Motto, neues Logo

Weil Fontblog viele Leser in Weimar und Umgebung hat, möchte ich kurz auf das neue Jenapharm-Logo eingehen. Gestern wurden die Jenapharm-Mitarbeiter über die neue Strategie ihres Unternehmens informiert. Die Thüringische Landeszeitung resümiert das Ereignis auf ihr Art: »Neues Logo, neues Motto – und 30 Arbeitsplätze weniger in Jena.«

Ein frisches Corporate Design und ein neuer Claim sollen die Neuausrichtung unterstreichen. Statt »Kompetenz schafft Vertrauen« heißt es nun »Friede, Freude, Eier …«, nee, Quatsch: »Liebe – Leben – Gesundheit«. Die Jenapharm GmbH will als erstes Pharmaunternehmen in Deutschland Komplettanbieter in Sachen Frauengesundheit werden. Motto (Originalton): »Egal, in welcher Phase ›frau‹ sich befindet, wir sind für sie da.«

Zur Gestaltung. Das zuletzt verwendete Logo (1) hatte den Charme einer DDR-Schauwerbegestaltung, auf Tuben und Pillenröhrchen wirkte es sicherlich kompetent und strahlte Vertrauen aus. Das neue Logo (2) soll nicht Medizin, sondern Lifestyle signalisieren: schmale Schrift (Schlankheit), rundes Signet (Weiblichkeit), das Farbklima geliehen bei Prinzessin Lillifee. Warum das Logo so aussieht, wie es aussieht, das verrät die Begrüßungsanimation auf der neuen Jenapharm-Seite. Sie beginnt mit einer Grafik (3), die ich zunächst für das neue Logo hielt … hey, das wäre doch mal eine mutige Lösung. Doch dann nimmt das Unglück seinen Lauf: die drei transparenten Farbflächen verwandeln sich in abnehmende Monde, die sich zu einem Ring vereinen (Total lässt grüßen). Das zuvor angenehm lesbare Motto verhungert unter dem übermächtigen Firmennamen. Könnte es sein, dass die Animation den Zerfallsprozess von der Ursprungsidee bis zum Endergebnis darstellt?

Plädoyer für die Original-Futura

Futura

Die Futura kam eigentlich nie in der Form auf den Markt, wie ihr Entwerfer Paul Renner das vorgesehen hatte, nachzulesen auf 100besteschriften.de, Beitrag Futura. Vor etwas mehr als einem Jahr brachte Elsner + Flake eine OpenType-Futura auf den Markt, die in der ursprünglichen Ausstattung digitalisiert wurde, also mit den Alternativformen für die Buchstaben a, g, r, m und n.

Der Editorial-Designer und TYPO-Sprecher Horst Moser, ein glühender Renner-Fan und -Archivar (siehe Fontblog: Sensationeller Fund, Independent Die Avantgarde der Buchstaben PDF), hat mir ein Schriftmuster geschickt, das seine interne Mitteilungen für die Mitarbeiter schmückt. Das »Independent News«-Cover – eine tolle Einrichtung, jede Woche Lesefutter über Kunden, Trends und neue Jobs – belegt überzeugen, dass die Zeit reif ist für Renners Original-Futura.