Artikel im Juli 2007


Kabellose Telekommunikation

Kabelsalat

FontShop-Beirat-Mitglied Jürgen Huber schrieb mir gestern: »Du hast Ivo Gabrowitsch angeregt, in seinen Interviews für die Slanted die Frage zu stellen ›Findest Du nicht auch, dass alles immer komplizierter wird?‹. Beim Umbau unserer Telefonanlage machte ich das passende Antwortfoto (siehe oben).« Ich gebe zu: Bei mir zu Hause sieht das ähnlich aus. Die Ursache liegt – vereinfacht gesprochen – an der falschen Digitalisierungsstrategie der Deutschen Telekom. Tatsächlich geht es heute ganz einfach und ohne einen Meter Kabel.

1979 beschloss die Deutsche Bundespost, alle Ortsvermittlungsstellen zu digitalisieren. Drei Jahre später entschied man sich für ISDN (Integrated Services Digital Network). Es folgten 1987 zwei Pilotprojekte in Mannheim und Stuttgart. 1989 begann der offizielle Betrieb und die deutsche Post wurde zum Vorreiter für ISDN in Europa. Nachdem bis zum Mai 1994 die Digitalisierung in den Vermittlungsstellen weitgehend abgeschlossen war, wurde ISDN verbrauchertauglich. Fördergeldern in Milliardenhöhe (300 bis 700 DM Zuschuss) »drückten« bis Ende der 90er Jahre ISDN-Anschlüsse in die Haushalte, wobei in über 90 % die digitalen Daten in analoge umgewandelt wurden, damit man die alten Geräte weiter nutzen konnte … denn »echte« ISDN-Geräte waren teuer..

Infolge der Überbetonung von ISDN in der Geschäftsstrategie der Deutschen Telekom entschied diese Mitte der 90er Jahre, sich als weltweit einziger großer Netzbetreiber beim neuen ADSL-Breitband-Standard im gesamten Festnetz das mit Reichweiten- und Bandbreitennachteilen behaftete ADSL-over-ISDN einzusetzen: Kunden mit analogem T-Net-Anschluss sollten keine DSL-Verfügbarkeits- bzw. Bandbreitenvorteile gegenüber T-ISDN-Kunden erhalten.

Heute sind rund 1/3 der Telefonanschlüsse in Deutschland ISDN-Basisanschlüsse. Seit 2003 nimmt der relative Marktanteil von ISDN-Anschlüssen im Verhältnis zu analogen Festnetzanschlüssen wieder ab, weil die Verbraucher durch DSL (40 % der Telefonanschlüsse) entweder surfen und parallel analog telefonieren oder gleich die IP-Telefonie nutzen können, und daher nicht mehr bereit sind, den Aufpreis für einen ISDN-Anschluss zu zahlen.

Wenn ich meinen Haushalt heute komplett neu telekommunikativ ausstatten würde, gäbe es zwei Strategien, die kabellos funktionieren (jeweil ohne Fax-Gerät, das nun wirklich von gestern ist):

• Handys für alle, mit einem Genion-Vertrag (d. h. Festnetznummer + Handynummer), Home-Zone-Flatrate, Surfen via Bluetooth über das Handy im UMTS-Netz; kein DSL, kein Festnetz
• DSL am analogen Festnetzanschluss, Drahtloses Netz, IP-Telefonie

Carlsen lässt über Harry-Potter-Cover abstimmen

Potter-Cover

Der Carlsen Verlag tut so, als dürften die Leser über das Aussehen der deutschen Ausgabe von »Harry Potter and the Deathly Hallows« mitentscheiden. Dabei stehen lediglich zwei sehr ähnliche Zeichnungen von Sabine Wilharm auf der Internetseite zur Auswahl (in der Abbildung links) … eine Entscheidung zwischen Teufel und Beelzebub. Beim Zwischenergebnis lässt sich Carlsen nicht in die Karten gucken.

In Deutschland wird Folge 7 von J. K. Rowlings Erfolgsromanserie unter dem Titel »Harry Potter und die Heiligtümer des Todes in 91 Tagen erscheinen. Englischsprachige Leser bevorzugen die US-Ausgabe (Abbildung Mitte), wegen ihrer vorzüglichen Gestaltung und Typografie (Fontblog berichtete). Britische Fans können zwischen einer Erwachsenen- und eine Kinder-Ausgabe unterscheiden (rechts).

FontBook bei der New York Times

Khoi Vinh ist der Design-Direktor von NYTimes.com, wo er ein größeres Design-Team leitet. Seit 2000 schreibt er in seinem Weblog Substraction über Design, Technologie und praktische Erfahrungen.

Eben hat er den Beitrag One Book to Specify Them All (Ein Buch um sie alle zu bestimmen) veröffentlicht. Er schreibt über das FontBook, wo er Anregungen für neue Schriften findet, zum Beispiel Apex Serif (FontBook, Kapitel Slab, Seite 4). Kein geringerer als Stephen Coles (Typographica) – gemeinsam mit Yves Peters verantwortlich für mehrere tausend FontBook-Querverweise – brachte ihm das Nachschlagewerk nahe. Als Dank gibt es ein aktuelles Interview mit Stephen Coles über das FontBook auf Subtraction.

MetaDesign fährt wieder BVG

Nach 10 Jahren Pause betreut MetaDesign wieder das Erscheinungsbild des Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Bereits 1992, nach der Wiedervereinigung und der Fusion der Ost- und Westberliner Verkehrsunternehmen, hatte MetaDesign das Corprate Design für die neu BVG entwickelt. Bis 1997 entstand ein Komplettsystem – vom Informations- und Leitsystem über die Fahrplanbücher bis hin zum Farb- und Innenraumkonzept der Fahrzeuge.
Hieran anknüpfend wird die erste Aufgabe für MetaDesign der Aufbau einer Onlineplattform sein, die alle Kommunikationsmittel für alle Unternehmensbereiche systematisiert und zielgruppengerecht zur Verfügung stellt. Im nächsten Schritt wird eine stufenweise Anpassung des Corporate Designs erfolgen.

Der Gewinner heißt …

Gerrit van Aaken (Praegnanz). Noch vor der tagesschau reichte er gestern den oben abgebildeten Beitrag ein, mit den Worten: »Hier mein kleiner Vorschlag, entstanden in etwa 15 Minuten in Illustrator, also nicht reingezeichnet, aber darum geht’s ja nicht.« Gerrit, ich gratuliere und freue mich, Dir die signierte Avenir-Broschüre zu überreichen. Auf Platz zwei – knapp abgeschlagen – landete Uwe Clephas aus Münster (Macadelic) mit seiner Medikamentenverpackung:

Platz 3 belegten punktgleich jedoch abgeschlagen: Motiv 2 (le ..de, Udo Albrecht, stereobloc) und Motiv 21 (Re/Tour, Tobias Granzin, granzin.com).

Motiv 2: 4 Stimmen
Motiv 3: 2 Stimmen
Motiv 4: 19 Stimmen
Motiv 5: 3 Stimmen
Motiv 9: 3 Stimmen
Motiv 11: 1 Stimme
Motiv 14: 1 Stimme
Motiv 15: 2 Stimmen
Motiv 20: 14 Stimmen
Motiv 21: 4 Stimmen
Motiv 23: 1 Stimme
Motiv 26: 2 Stimmen
Summe: 56 Stimmen

Mein persönlicher Favorit ist dieser Entwurf von Anke Gaksch aus Berkeley. Sie bezieht sich auf den Beitrag in Spiegel Online: Biss am Berg dank Hodenpflaster. Man könnte es auch so interpretieren: eine Dicke-Eier-Veranstaltung ist ernsthaft verletzt.

Der neue Wes-Anderson-Film

Darjeeling

Danke an Peter Noster und flickr für die Großdarstellung des Posters

Ich mag die Filme von Wes Anderson sehr, vor allem The Royal Tenenbaums und Rushmore. Seine Markenzeichen sind: exzentrisch-perfekte visuelle Details (einschließlich der Typografie auf Büchern, an Bussen, Dampfern und Gebäuden), geschliffene Dialoge, eine skurrile Handlung und die Soundtracks von Mark Mothersbaugh (früher DEVO).

Nun hat er sein jüngstes Werk The Darjeeling Limited abgedreht. Der Tod ihres Vaters führt 3 Brüder (gespielt von Owen Wilson, Adrien Brody and Jason Schwartzman) auf eine Zugreise durch Indien, die sie wieder enger zueinander bringt (Trailer bei apple.com). Weitere Darsteller: Amara Karan, Anjelica Huston, Bill Murray und Natalie Portman.

Weil ich auch in die Soundtracks seiner Filme vernarrt bin, wunderte ich mich, das der neue Anderson-Film musikalisch nicht von Mothersbaugh betreut wird. Ich wollte wissen warum, und stieß auf diese einmalige Bewerbung von W. Becker und D. Fagen (Aka Steely Dan), mit der sich das Duo psychologisch-raffiniert bei Wes Anderson als Soundtrack-Komponist bewirbt … übrigens auch ein Lehrstück für Designer, die sich einen geilen Job angeln wollen.

Erst verneigen sie sich vor ihrem Idol, um ihm dann schonend beizubringen, das ihm nach seinem Erstlingswerk Bottle Rocket kein großer Wurf mehr gelungen sei, vor allem wegen der »obskuren-60er- British-Invasion«-Begleitmusik. Dann setzen Becker/Fagen zum Angriff an: »But, look, Mr. Anderson, we’re not trying to be critical – dammit – we just want to help.« Sie reden dem Regisseur ein, dass er mit seiner neuesten Schöpfung an einer Kreuzung stehe. Um erfolgreich zu bleiben, offerieren sie ihm zwei Strategien. Die erste liefert Donald mit einem Titelsong zum Film. Walter schlägt ihm vor, alles was seit »Bottle Rocket« passiert sei zu negieren und den neuen Film »Bottle Rocket 2« zu nennen; auch hierzu gibt es einen Song inklusive Text. Nennt man diese Art Vorschlag in Werberkreisen nicht »die Alternative zum Abschießen«? Tatsächlich empfehlen Steely Dan dringend, beide Songs zu verwenden.

Der Brief endet mit: »So – let’s get going, shall we? Send the check for US$400,000 (advance on licensing fees) out by Fedex to Mickey [Anm.: ihr Manager] by tomorrow and we’ll talk a little later in the day about merch, percentages, backend, soundtrack, ASCAP, etc.«

Ich habe noch nicht herausgefunden, ob das Duo Töne für den neuen Anderson-Film beisteuern durfte. Wahrscheinlich nicht, denn ein andere Experte hat herausgefunden, dass Steely Dan seit längerem mit Andersons Lieblingsdarsteller Owen Wilson im Clinch liegen. Er soll die Grundidee für seinen Film »You, Me and Dupree« aus ihrem Song »Cousin Dupree« geklaut haben – ohne Erlaubnis.

Zum Plakat. The Skinny hat freundlicherweise schon darauf hingewiesen, dass es endlich mal ein Hollywood-Plakt-Designer gewagt hat, das Kleingedruckte nicht an den Fuß des Posters, sondern mitten rein zu setzen. In diesem Fall stören die Zeilen gar nicht, weil sie sich wunderbar in die geschmückte Decke eine indischen Tempels einfügen. The Skinny’s Fazit »So lange Gwyneth Paltrow nicht auftaucht, wird alles gut werden.« »Und endlich keine Futura Book mehr …« ergänzt ein Kommentator.

Tour-de-France-Logo-Wettbewerb: hier abstimmen!

… jetzt darf abgestimmt werden. Und zwar nur hier, als Kommentar, jeder einmal, jeder hat 1 Punkt. Einsendeschluss ist 17:00 Uhr. Es stehen 30 Motive zur Wahl …

Komplizierte deutsche Einkommensteuer

Als Fontblog-Leser Thomas Junold gestern Abend mit der Arbeit an seiner Einkommensteuer-Erklärung begann, wollte er sich zunächst mal in die Spielregeln einlesen … man nennt sie auch Einkommensteuergesetz (EStG). Er brach das Experiment nach wenigen Sekunden ab und fragte sich: »Ähmm … meinen die das ernst? Wer bitte soll das lesen?«

Dein Steuerberater, Thomas. Im Vergleich zu den deutschen Steuergesetzen ist Harry Potter eine Kurzgeschichte. Wenn es eines Beweises bedarf, dass das deutsche EStG das komplizierteste der Welt ist, dann leistet das die oben zitierte Seite: 700.000 Zeichen, 111.000 Wörter, 291 Seiten (Verdana, 9 Punkt), 99 Paragraphen. Wie war das noch mal mit dem Bierdeckel, Friedrich Merz? (Abb: Mehrzweckbeutel)

Logo-Wettbewerb: alle Ergebnisse (bis 12:00 Uhr)

Die ersten Logos sind eingetroffen. Hochkarätige Teilnehmer: Udo Albrecht, Jens Fassmann, Gerrit van Aaken … Dieser Beitrag wird ständig aktualisiert. Und Achtung: Kein Motive darf gewerblich verwendet werden, nur zitieren.

Motiv 1:

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Außer Konkurrenz:

Quelle: DRK Naumburg, gefunden von flo

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Sport-Logo-Wettbewerb am Abend

Stefano Picco hatte die Idee, einen spontanen Tour-de-France-Logo-Wettbewerb zu veranstalten. Auslöser war die kleine Buchstaben-Umstellung im aktuellen Logo von Florian. Warum nicht … werden wir uns heute Abend nicht alle wieder totlangweilen? Besser nicht. Schickt mir bis morgen 12:00 Uhr Euer neues Tour-de-France-Logo, das »die aktuelle Situation bei der Tour« (Stefano) visualisiert. Macht dies bitte mit Respekt, mit Charme … durchaus auch mit Witz (aber bitte keine Buchstaben aus Spritzen oder so einen Quatsch). Schickt bitte Eure Ergebnis an jsiebert_ät_fontshop.de.

Einen Preis soll es auch geben. Weil es um die Zukunft (l’avenir) der Tour geht, verschenke ich eine von Adrian Frutiger handsignierte 16-seitige Broschüre über seine Schrift Avenir Next. Er hat sie mir im April 2004 im Schweizerischen Bönigen (Interlaken) überreicht.

Mutatoes von Uli Westphal

Der Berliner Künstler und Fotograf Uli Westphal sammelt – unter anderem – seit 2006 außergewöhnliche botanische Produkte. Mutatoes ist eine Sammlung »nicht-standardisierter« Früchte, Wurzeln und Gemüse, die er in und auf Berliner Märkten fand. Im Rahmen seines Mutatoprojekts archiviert und dokumentiert er diese »letzten Überlebenden einer biologischen Vielfalt«. Vor drei Wochen stellte er sich sogar selbst auf einen Wochenmarkt, um die Gemüse-Obst-Kollektion zu präsentieren: von 12 bis 19 Uhr auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz, Prenzlauer Berg. Die Schweizer Designerin Tina Roth Eisenberg hat ihn dort getroffen.

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Uli Westphal wurde 1980 in Bochum geboren. Er studierte am Maryland Institute, College of Art in Baltimore (USA), an der Akademie der Künste in Enschede (Holland) und an der UdK in Berlin (Abschluss 2005).

Der Wahlkampf der Zukunft [Nachtrag]

Spiegel Online: »Wir Deutschen können das alles übrigens noch nicht: Das politische Netz hierzulande ist in einem erbärmlichen Zustand, die paar politisch orientierten Weblogs, die es gibt, haben kaum Leser, eine Debattenkultur existiert so gut wie nicht. Deutschlands Blogger sind immer noch zu einem großen Teil damit beschäftigt, entweder über den eigenen Alltag oder über das Bloggen selbst zu bloggen. Und die deutsche Politik betrachtet das Netz vor allem als etwas, das es zu kontrollieren (mehr…), reglementieren und überwachen (mehr…) gilt – und ist ansonsten weitgehend frei von Kenntnissen über das Medium der Zukunft (mehr…)Sag ich doch … (freilich nicht so elegant).