Artikel im Mai 2007


Spiegel Online, Hans Reichel, FontFont

In der neuen FontShop-Broschüre »Es werde Schrift«, die auf der TYPO-Konferenz Premiere feierte, heißt es im Editorial: »Die Schrift führt ein unbekanntes Leben. Selbst Laien haben eine Vorstellung davon, wie ein Modefoto, ein Musikhit oder ein Kinofilm entstehen. Aber wer die allgegenwärtigen Schriften macht, warum es davon so viele gibt und welche Aufgaben sie haben … wer weiß das schon, außer uns Profis? Es gibt keine andere visuelle Ressource, die von so vielen Menschen konsumiert und benutzt wird, und gleichzeitig so fremd ist.«

Unter diesem Sachverhalt »leiden« nicht wenige Schriftenmacher: sei es emotional, sei es wirtschaftlich (weil Benutzer die kreative Leistung nicht anerkennen und sicher gerne raubkopierter Fonts bedienen). Die emotionale Komponente bringt Matthew Carter (Bell Centennial, Charter, Verdana) im Helvetica-Film auf den Punkt: »Wenn ich meiner Sitznachbarin im Flieger meinen Beruf erkläre, erhalte ich häufig die Antwort ›Ach? Ich dachte, die sind alle tot.‹«

Helvetica-Film, Versal-ß, TYPO-Konferenz, 100 Beste Schriften aller Zeiten … die jüngsten Bestrebungen eines Teils der Designindustrie – dieses Weblog eingeschlossen –, das Thema Typografie populärer darzustellen, trägt langsam Früchte. Wenn die Süddeutsche Zeitung am vergangenen Freitag im Feuilleton schreibt: »In Berlin werden Typographen und ihre Schriften wie Popstars gefeiert«, wenn Spiegel Online gestern Hans Reichel (FF Dax) interviewt und resümiert, seine Schriften seien »weltweit so beliebt, dass Reichel von der Schriftgestaltung lebt.« … dann möchte ich das für mich mal ganz bescheiden als medialen Dammbruch interpretieren:

• Endlich reden mal dir richtig Wichtigen über Typografie
• Ja, es gibt neben Erik Spiekermann noch weitere Schriftentwerfer, die ihren Job verständlich erklären können
• Hurra, es gibt Journalisten (Julia Büttner, Konrad Lischka), die das Thema Typografie sorgfältig recherchieren
• man kann tatsächlich mit dem Entwerfen von Schriften Geld verdienen
• FontFont bereichert seit 1991 die Schriftenwelt mit stilprägenden Neuentwürfen
• es gibt eine Zukunft für neue Schriften

SpOn: »Deutsche Schriften für die Welt«

Firmenschilder FSI und FontShop, Bergmannstraße 102, Berlin Kreuzberg

Von dieser Schlagzeile habe ich 15 Jahre geträumt … seit ich mich hauptberuflich mit dem Aufbau und Ausbau der FontFont-Bibliothek beschäftige. Spiegel Online interviewt Hans Reichel und rückt den ausgefallenen Beruf des Schriftentwerfens ins öffentliche Interesse. »Der Wuppertaler Musiker und Designer Hans Reichel hat seit 1983 fünf Schriftfamilien entworfen. Sie sind weltweit so beliebt, dass Reichel von der Schriftgestaltung lebt. Ein Gespräch über Schriften im Supermarkt, sein Klingelschild und die zu Recht geliebte Helvetica.« Weiter bei Spiegel Online …

Hans Reichel auf der TYPO 2007 (Foto: Gerhard Kassner)

Ein halbe Tonne VW-Schrift

Paletten

Auch das ist Corporate Font: Zwei Paletten mit einer von MetaDesign für die Marke Volkswagen modifizierten Utopia, lizenziert von Adobe via Linotype die eben bei FontShop im Lager eintrafen. Es handelt sich um die bescheidene Restmenge (ca. 1500 CDs) der ursprünglich für 12.000 Volkswagen-Partner weltweit lizenzierten Hausschrift (= Agenturen, Importeure, Designbüros, …). Neuentwürfe und Updates werden inzwischen online versendet.

Factor-Design entwirft Bobbi Bolzer

In der April-Ausgabe von PAGE habe ich mich in meiner monatlichen Kolumne »Miszellen« mit der Sport-Maskottchen-Pest auseinander gesetzt und gefragt, wen diese Kunstfiguren tatsächlich begeistern. »Ich behaupte mal, dass sie außer einigen Plüschfabrikanten niemanden interessieren. Nicht mal die Kinder der Sportfans. … Warum sollen die sich darüber freuen, wenn Erwachsene in die Rolle von Kuscheltieren schlüpfen?« Ein Höhepunkt der Geschmacklosigkeit war sicherlich das Fußball-Kuscheltier-Allstar-Game im Rahmen des Coca-Cola Ticket Kick (Abbildung unten, Foto: Coca Cola).

Kurz darauf schrieb mir Johannes Erler (HSV-Fan), dass sein Büro Factor Design gerade an einem Maskottchen für den Fußball-Bundesligisten VFL Bochum arbeite. Jetzt ist das Projekt beendet, Bobbi Bolzer, wurde offiziell vorgestellt. Der blaue Mäuserich ist das Kinderklubmaskottchen des Revier-Vereins. Zwischen den Zeilen erfährt man auf der Factor-Website, dass Bobbi zum ersten Pressetermin »deutlich schlanker als bei seiner Verpflichtung« erschien: »Wo sein Markenzeichen, der einst stattliche Kugelbauch, geblieben war, mochte Bobbi den anwesenden Journalisten allerdings nicht verraten.« Ich vermute mal, dass der Frühstücksspeck von Sponsor Zimbo noch nicht angeschlagen hat und mache mir große Sorgen um das neue Baby der Bundesliga.

Dieses Datum muss bekannter werden

TYPO-Moderator Clemens Schedler lernte jüngst Klaus Stimeder kennen, den Gründer und Chefredakteur der österreichischen Monatszeitschrift Datum. »Dabei hat mir besonders sein transparent-verständlich-überzeugender Businessplan imponiert, der da lautet: Keine Schulden!«

Seit heute ist Datum in ganz Österreich erhältlich, das heißt, der Businessplan scheint aufzugehen. Mir imponieren die Themen sowie der Leser-freundliche Online-Auftritt der Zeitschrift, den Clemens sicher schon seit der Gründung vor drei Jahren schätzt. Und ich nehme mir fest vor: Beim nächsten Österreich-Besuch werde ich noch am Flughafen die neue Datum kaufen.

Bis dahin erfülle ich, als alter Zeitschriftenmitbegründer und ehemaliger Chefredakteur, aus Solidarität den Wunsch der Datum-Redaktion zum 3. Geburtstag: »Sie müssen mit Ihren Bekannten, Verwandten, Freunden, Lebensabschnittspartnern über unsere Geschichten sprechen, lobbyieren.« Denn auch nach drei Jahren haben viele Menschen, die theoretisch affin zu dem anspruchsvollen Medium sind, noch nie von Datum gehört.

(Abbildung: Datum Heft 4/2007; Foto: Jürgen Teller)

Reichardts globale Schriftdatenbank ist online

Hans Reichardt verfolgt seit über 40 Jahren den Schriftenmarkt und seine Neuerscheinungen

Seit Jahrzehnten ist die Schriftnamen-Datenbank des Frankfurter Sammlers Hans Reichardt eine der wichtigsten Quellen für Schriftenhäuser. Linotype nutzt seine Daten zum Identifizieren von Clones, die unter Decknamen angeboten werden; das Klingspor-Museum in Offenbach hat mit Reichardts Hilfe die umfangreichste Schriftentwerfer-PDF-Sammlung ins Internet gestellt. FontShop setzt das Verzeichnis zum Ermitteln (und Verkaufen) einer Originalschrift ein, falls Kunden lediglich der Clone-Name bekannt ist … und die Datei lieferte uns stets eine aktuelle Antwort auf die häufig gestellte Frage: Wie viele Schriften gibt es eigentlich (siehe Abb. oben)?

Jetzt ist die Reichardt-Datenbank mit ihren über 90.000 Schriftnamen (teils mit Schriftmustern) komplett online und durchsuchbar. Wie bereits auf der ATypI in Lissabon angekündigt, findet man sie unter der Adresse global-type.org, veröffentlicht unter einer Creative-Commons-Lizenz, denn die Inhalte sollen von der Allgemeinheit gepflegt und ergänzt werden. Die vollständige Schriftnamensuche funktioniert einwandfrei, wobei gerade die Schriftmuster aus Bleisatzzeiten für die Kinder des Digitalzeitalters eine wahre Fundgrube sein dürften (man suche beispielsweise mal den Namen »Koch«). Bei den Schriftkünstlern und Foundries ist erst der Grundstein gelegt.

Typografische Meilensteine: Ein Extrakt aus dem »Weltmodell der Schriftgeschichte«

Auch wer sich mit dem pseudowissenschaftlichen »Weltmodell der Schriftgeschichte« nicht anfreunden kann, wird die globale Schriftdatenbank als täglich Recherchequelle bald schätzen lernen. (Via: TypoWiki)

TYPOnight-Rückblick: Sounds und Visuals

Studio Adhoc realisierte neben dem gesamten Design der TYPO-Konferenz auch die TYPOnight-Projektionen in der Kalkscheune. Im Hof wurden mit fünf sich gegenseitig überlagernden Projektionen die mit Zeitraffer aufgenommene Handletterings auf Segel projiziert. Die Gestalter der Animation – Stefanie Giersdorf und Magnus Hengge von Studio Adhoc – haben ihr Artwork eben auf YouTube veröffentlicht:

Norman Liebich, Studio Adhoc, ließ als Live-VJ den Dancefloor blinken

Magnus Hengge, Studio Adhoc, während der TYPOnight

Die Musik der TYPOnight habe ich, auszugsweise, zu einem TYPOnight-iMix zusammengestellt. Die Liste der Tracks bekam ich vom TYPO-Sprecher Henry Steinhau übermittelt, der ein gutes Sound-Gedächtnis hat.

Wer sich für die Musik in der TYPOhall und den Video-Podcast-Beiträgen interessiert, sei an die ffortissimo-Audio-CD der FontFont-Designer erinnert: Die wichtigste CD der nächsten Woche. Drei Tracks stehen zum kostenlosen Download bereit, so dass Ihr Eure Berlin-Diashows mit der Original-TYPO-Ambient-Musik unterlegen könnt:

Quiescent von Peter Warren (mp3, 64 kBit/s, 1,8 MB, 3:40 min)
Jealousy Monster von Neko Punch ft. Joachim Müller-Lancé (mp3, 66 kBit/s, 2,4 MB, 4:42 min)
Selected Bright 3 von Selected Bright ft. Ole Schäfer (mp3, 66 kBit/s, 2,1 MB, 4:11 min)
Ottawa RC04 von Bruce Alcock (mp3, 66 kBit/s, 0,4 MB, 0:36 min)

Künstler und Kreative beobachten G8-Gipfel

Dropping Knowledge ist eine Non-Profit-Organisation, die im Sommer 2003 vom Regisseur Ralf Schmerberg, der Filmemacherin Cindy Gantz und der Aktivistin Jackie Wallace gegründet wurde. Ihr Ziel ist der weltumspannende Dialog über die Probleme der Menschheit. Im September 2006 berichtete ich erstmals über den Runden Tisch am Bebelplatz, den ich auch besuchte.

Jetzt knöpft sich Dropping Knowledge den Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm mit einer Special-G8-Seite vor: »We are watching you!«. Im Rahmen eines Sommercamps will die Organisation vor Ort und im Internet Stellung zu dem umstrittenen Treffen beziehen. Die »Choreografie des Widerstands« wird in Form eines Webcasts publiziert, bestehend aus Videos, Fotos und Texten. Das kreative Gehirn des Dropping-Knowledge-Aktion wird die Rostocker Technische Kunsthochschule sein (Lagerstraße 26). Über den aktuellen Verlauf der Aktivitäten berichtet der Dropping-Knowledge-G8-Blog. (Via)

Dialog der Schrift in Kiel

Vom 7. bis zum 10. Juni finden die ersten Kieler Tage für Typografie statt … unter dem Motto »Dialog der Schrift« veranstaltet von der Muthesius Kunsthochschule, der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek und Sartori & Berger-Speicher. Vorträge, Diskussionen, Lesungen, Filmabend und Workshops behandeln die Bedeutung von Schrift in einer bildgeprägten Zeit. Zusätzlich zeigt das Lehrgebiet für Typografie und Gestaltung Arbeiten von Ehemaligen und Jetzigen. Programm … Unter den Sprecherinne und Sprechern: Prof. Klaus Detjen, Prof. Petra Maria Meyer, Uwe Loesch, Albert-Jan Pool, Agnés Laube und Andreas Uebele.

Die 12 beliebtesten TYPO-2007-Sprecher

Lieblingssprecher

Nach dem Urteil der TYPO-Besucher hielten Mario Lombardo, Stupid Studio (Daniel Gjøde, Lars Neckelmann) und Niklaus Troxler die besten Vorträge auf der TYPO 2007. Es folgen: 4. Psyop (Mate Steinforth), 5. Armin Reins, 6. Steve Heller, 7. Carl-Frank Westermann, 8. Kim Hiorthøy, 9. Klaus Voormann (mit Gerrit Terstiege), 10. Hans Reichel, 11. Horst Moser und 12. Andreas Schimmelpfennig. Fotos: Marc Eckardt (3)

Zur Erinnerung: Die 12 beliebtesten Sprecher der TYPO 2006

Typografischer Tageskalender

Ivo hat eine vielversprechende Webseite entdeckt, die einen auf Wunsch täglich mit einem typografischen Kalenderblatt erfreut (per RSS). Damit nicht genug: User in aller Welt sind aufgerufen, eigene Kalenderblätter einzureichen … aktuell für den 1. Juni. Die Architektur der Seite, die erst seit wenigen Tagen online ist, verrät, dass ein Diskussionsforum die Qualität der Einreichungen sichern könnten. Zur Kalenderseite Thisdayintype.com …

Mehr Fotos im TYPO-2007-Album

Klaus Voormann at TYPO Berlin

Über 400 Fotos von 30 Mitgliedern befinden sich inzwischen in der Flickr-Gruppe TYPO 2007.