
Von links: Plakat des Broadway-Musicals Brooklyn, Cover des US-Bestsellers »Faster« von James Gleick, das Motorola-Handy »Motorazr«, Reebok-Logo
Den größten Einfluss auf die aktuelle Sprache hat die Beschleunigung der Information. TYPO-2003-Besucher erinnern sich vielleicht noch an den Auftritt des Zeitforschers Karheinz Geißler, Autor der Bestseller »Wart’ mal schnell« und »Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung«. Er stellte damals klar: »Die Zeit bleibt immer gleich, unsere treue Begleiterin bis zum Tode. Was sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte geändert hat, ist ihre Reglementierung.« Mit netten Anekdoten und Bildern wies er nach, wie wichtig die Erfindung der Uhr für die Industrialisierung war, und warum wir sie heute kaum noch nutzen. »Unpünktlichkeit ist unser zweitgrößtes Problem und komme gleich hinter ›keine Zeit haben‹. Wir haben ständig ein schlechtes Gewissen, weil wir trotz der vielen Uhren überall und immer zu spät kommen. Deshalb stellt das Handy die Bedeutung der Uhr in den Schatten, weil wir damit jetzt unsere pünktliche Verspätung ankündigen können.« (Geißler auf der TYPO 2003)
Jeder weiß: ein kurzer Anruf geht schneller, als eine SMS (Short Message Service) verfassen und versenden. Trotzdem bevorzugen viele das Simsen, weil ihnen ein Gespräch zu persönlich, zu laut, zu wichtig ist … weil sie unsicher sind und den Kommunikationspartner auf Distanz halten wollen. Die zeitlichen Mehraufwand fürs Schreiben versuchen die Simser durch eine Versimplifizierung der geschriebenen Sprache aufzufangen: Wnt2go (I want to go), cul (See you later) oder HiWrIsYrCar? (Hi, where is your car?); man achte beim letzten Beispiel auf die plötzliche Bedeutung der Versalien im Englischen. Die Technik nimmt also nicht nur Einfluss auf die soziale Interaktion, sondern auch auf die geschriebene Sprache.
Interessanterweise ist die abkürzende Schreibweise in den englischsprachigen Ländern viel weiter entwickelt als hierzulande, was sicher mehr mit der Sprache als mit Bequemlichkeit zu tun hat. Trotzdem findet man im Migrantendeutsch vergleichsweise ökonomische Ansätze: weisstu (Weißt Du?), hastu problem (Hast Du ein Problem?), siehssu dem tuss? (Siehst du die junge Frau dort?).
Es gibt auch technische Versuche, SMS-Nachrichten zu verkürzen. Unter dem Motto »Aus drei mach eins« stellen Wissenschaftler der dänischen Aalborg Universität und der TU Berlin jüngst ein Programm zur Komprimierung von Kurznachrichten namens smsZipper vor. Die Java-Anwendung verspricht, kurze Texte auf bis zu ein Drittel ihrer ursprünglichen Länge zu komprimieren, so dass man anstelle von 3 Standard-SMS mit maximal 480 Zeichen lediglich 1 SMS übertragen und bezahlen muss. Nachteil der Lösung: die Anwendung muss auf Sender- und Empfänger-Handy installiert sein. Die von mit gestern angekündigte, Font-basierte Lösung von FontShop wird keine derartige Beschränkung mit sich bringen … einzige Voraussetzung ist ein gesunde Menschenverstand beim Empfänger.
Doch nicht nur Jugend und Technik formen die Sprache, auch Werbung und Marketing. In den letzten Monaten haben sie ihre Vorliebe für vokalfreie Markennamen entdeckt. Von Motorolas SLVR über Levi’s DLX-Jeans bis hin zur Broadway-Shows Brklyn … wir haben es eilig, wofür brauchen wir Vokale. Das meint auch James Gleick, Autor des Buches »Faster: The Acceleration of Just About Everything«, doch er kennt noch eine andere Ursache: »Neben dem cool-Factor gibt es einen ganz praktischen Grund für das Entfernen von Buchstaben: Es wird immer schwieriger Markennamen zu finden, die noch nicht besetzt sind, entweder im Internet oder im richtigen leben.« Gleiches gilt für Domain-Namen: flickr.com, zooomr.com, rbloc.com, …
Während man hier im Land mit den Methoden der 90er Jahre nach blumigen Markennamen sucht (jüngstes Beispiel Arcandor), gehen die Amis den Less-is-more-Weg. Und der Arbeitskreis mit FontShop gestalten mit … bald mehr (auch am Wochenende).
Zu Folge (1) dieses Beitrags …