Artikel im Januar 2007


100 beste Schriften (2)

Paris, Heiligabend 1534. Während sich ungezählte Familien an den leuchtenden Augen ihrer Kinder erfreuen, erlebt der 35jährige Claude Garamond am Place Maubert den grässlichsten Moment seines Lebens. Mit Tränen in den Augen sieht er seinen Lehrmeister und Drucker Antoine Augereau auf dem Scheiterhaufen brennen, zusammen mit seinen Büchern.

Claude Garamond ca. 1543

Es sind turbulente Zeiten zu Beginn der französischen Renaissance, voller Glauben an den Geist, die Schrift, das Buch, den Humanismus. Die Bibel wird erstmals in der Volkssprache gedruckt, Plakate gegen die Heilige Messe sind Vorboten der Reformation, Luthers Thesen machen die Runde … religiösen Machtkämpfe kündigen sich an.

Augereau soll Pamphlete gegen die katholische Kirche verfasst haben. Tatsächlich ist er das Bauernopfer seiner Auftraggeberin Marguerite von Navarra, Schwester des Königs und begeisterte Luther-Anhängerin. Die mächtigen Theologen der Sorbonne waren schlicht zu feige, gegen die adelige Publizistin vorzugehen.

Die Pariser Grand-Rue Saint-Jacques war der Tummelplatz für aufgeschlossene Drucker und Verleger. Einer von ihnen war Antoine Augereau, der die Auffassung vertrat: Neue Ansichten brauchen neue Schriften. Sein Lehrling Claude, der schon mehrfach sein Talent als Stempelschneider unter Beweis gestellt hat, nahm diese Herausforderung nach wenigen Berufsjahren an.

Master-Vorlage für die heutige Garamond: Egenolff-Berner-Schriftmuster (1592)

1530 schnitt er für den berühmten Drucker Robert Estienne unter den Augen seines Lehrmeisters eine eigene Cicero-Type (12 Punkt), die große Bewunderung auslöste. Fast hundert Jahre später, um 1620, wird sie unter seinem Familiennamen Garamond von Schweizer Jean Jannon nachgeschnitten und erlangt bald darauf Weltruhm.

Nach dem Tod Augereaus gründet Claude Garamond in der Rue des Carmes seine eigene Werkstatt. Hier perfektionierte er seine Antiqua-Lettern. Auf Anregung des Rektors der Sorbonne, Jean de Gagny, entwirft er einen kursiven Schnitt zu seiner Cicero von 1530, der späteren Garamond. Dieser kursive Schnitt gilt unter Schriftgestaltern bis heute als der Inbegriff ästhetischer Vollkommenheit.

Nach Garamonds Tod 1561 ging ein Teil seines Typenrepertoires in den Besitz der Imprimerie Royale über. Die meisten Matrizen und Stempel wurden jedoch von Christophe Plantin aus Anvers erworben, sieben Antiqua-Serien auch vom Frankfurter Schriftgießer Jacques Sabon (später Egenolff-Berner).

Nach fast 200-jährigem Dornröschenschlaf wurden sie 1928 in der deutschen Garamond-Stempel auf Basis der alten Spezimen aus der Gießerei Egenolff-Berner, revitalisiert. Viele Stempelschneider, Schriftgießer und Schriftgestalter nahmen sich seitdem »die Garamond« für ihre eigene Schrift zur Vorlage. So auch Tony Stan für seine ITC Garamond und Jan Tschichold für seine Sabon-Antiqua.

Robert Slimbachs Adobe Garamond zählt aufgrund ihrere Vitalität zu den besten Digitalversionen (Abb: Adobe)

Unter den digitalisierten Garamonds gilt die von Adobe als eine der besten. Als Vorlage diente Robert Slimbach zunächst ein Egenolff-Berner-Schriftmuster aus dem Jahr 1592. Nach Recherchen im Plantin-Moretus-Museum in Antwerpen, entschied sich Slimbach für eine weitere Überarbeitung des Erstentwurfs, um den Lettern mehr Vitalität und Authentizität zu geben. Auch die Zierbuchstaben, Ornamente, historische Ligaturen und die Titelsatz-Lettern in der Adobe Garamond verdanken wir dieser Studienreise.

100 beste Schriften (3)

Anfang den 60er Jahren platzt der Pariser Flughafen Orly aus allen Nähten. Am 13. Januar 1964 beschließt der französische Ministerrat, auf dem dünn besiedelten Ackergelände nahe der Dorfschaft Roissy-en-France einen neuen Großflughafen zu errichten.

Adrian Frutiger, einer der bedeutendsten Schriftentwerfer unserer Zeit, aufgenommen 2004 in seiner Schweizer Heimat Interlaken

Der Architekt Paul Andreu wird mit dem Entwurf des »Aéroports Paris Nord« (Arbeitstitel) betraut. Er veranstaltet eine Serie von Workshops mit Architekten, Designern, Psychologen und Künstlern, denn in Roissy soll Wegweisendes entstehen. Unter den Experten: Der junge Schweizer Schriftentwerfer Adrian Frutiger, der mit seiner 1957 erschienenen Erfolgsschrift Univers (100 beste Schriften, Platz 10) die Beschilderung entwickeln soll.

Doch Univers ist ihm zu geometrisch und geschlossen für die schnelle Wahrnehmung auf Wegweisern. Also greift auf einen 7 Jahre alten Sans-Serif Entwurf namens Concorde zurück, den er mit André Gürtler für das Satzunternehmen Sofratype gezeichnet hatte.

Erste Entwürfe für die Schrift Concorde (Adrian Frutiger/André Gürtler, 1959), dem Vorläufer der Frutiger (Abbildung: www.linotype.com)

Farbpsychologen legen für das Leitsystem einen gelben Hintergrund fest, die französischen Hinweise sollen in weiß, die englischen in schwarz aufgedruckt werden. Für die Workshop-Präsentation greift Frutiger zu Letraset-Farbfolien. Das Wort ›Départs‹ schneidet er mit einer kräftigeren Concorde aus, das schwarze ›Departures‹ klebt er darunter auf. Die bessere Lesbarkeit gegenüber Univers überzeugt sofort alle Experten. Und Paul Andreu ist begeistert von der Idee einer eigenen Flughafenschrift.

Diese Präsentation überzeugte 1966, die Flughafenschrift Frutiger war geboren (Grafik: FontShop)

Als der Aéroport Charles de Gaulle im März 1974 eingeweiht wird, setzt auch das Leitsystem Maßstäbe. Typografen aus aller Welt wünschen sich die Schrift für Drucksachen. 1977 bringen die D. Stempel AG und Linotype erste Frutiger-Schnitte auf den Markt. Sie werden rasch zum Bestseller und mehrfach erweitert, zuletzt 1999 vom Schöpfer selbst (Frutiger Next).

Zwei Jahren nimmt er sich Zeit für die Next-Version. Alle Zeichen werden neu digitalisiert, wobei die Grundformen nahezu unverändert bleiben. Lediglich das ß und das et-Zeichens entstehen neu, s und t erfahren ein dezentes Facelifting. Die Strichstärkenabstimmung ergibt nun 6 statt 5 Stufen, und eine echte Kursive rundet Frutiger Next ab.


Bis heute kaum verändert im Einsatz: Die Frutiger auf dem Leitsystem des Pariser Flughafens Charles de Gaulle (Foto: Siebert)

100 beste Schriften (4)

Im Juni 1766 sind alle Reisevorbereitungen getroffen. Der 26-jährige Graveur Giambattista Bodoni, Sohn eines italienischen Druckers, verlässt Rom, um die zweiwöchige Fahrt zur Cambridge University Press anzutreten. Im Gepäck die aktuelle Lieblingslektüre: das Neue Testament, gedruckt von »Vollender der klassizistischen Antiqua« John Baskerville, dem Direktor der Universitätsdruckerei. Bei ihm will Bodoni seine Schriftschneiderlehre abschließen.

Noch vor der österreichischen Grenze setzt ein Fieberanfall der Expedition ein abruptes Ende: Malaria! In einem norditalienischen Sanatorium erholt sich Bodoni schneller als die Ärzte erwarten. Dabei schneidet er, ohne neue Pläne zu schmieden, Tag für Tag Schriften. Nach einem Besuch in Parma wird er dort 1768 Leiter der Stamperia Reale. Auf Wunsch einiger kunstfanatischer Fürsten soll er der Druckerei landesweite Bedeutung verschaffen.

Bis zu seinem Tode 1813 arbeitet Bodoni am Manuale Tipografico, das seine Witwe 1817 vollendete. Auflage: 250 Exemplare.

Um Bodoni an den Hof zu binden, erlaubt ihm Prinz Ferdinand von Bourbon-Parma 1771 die Errichtung einer privaten Buchdruckerei im Palast. Hier entstehen bald Folianten und Prachtausgaben von Klassikern, die europaweit für Aufsehen sorgen, weil Bodoni fast jede Ausgabe in einer neuen Schrift setzt. Seine Perfektion – vom Schriftschnitt bis zur Wahl der Papiere – bringt ihm den Ruf »Drucker der Könige und König der Drucker.«Über 40 Jahre leitet Bodoni die Stamperia Reale, bis zu seinem Tod 1813. In den folgenden 5 Jahren sichtet seine Witwe Margherita den entstandenen Schrift-Schatz. Die Druckerei ist fast ausschließlich für das Erbe ihres Mannes im Einsatz. 1817 schließlich bringt sie das zweibändige Manuale Typografico (Handbuch der Typografie) heraus, in einer Auflage von nur 250 Exemplaren. Mit 142 Alphabeten, den dazugehörigen Kursiven, Schreibschriften und Ornamenten beschäftigt es bis heute die Bodoni-Interpreten.

Beim Setzen mit der königlichen Schrift ist zu beachten, dass die harmonischen Formen und der klare Kontrast zwischen Schwarz und Weiß Sorgfalt beim Umgang voraussetzt. Bodoni ist keine kleinkarierte Bürokratenschrift. Und sie ist auch nicht sehr praktisch. Wenn es jedoch gilt, einem lesenswerten Text Geltung zu verschaffen, mache man es wie Bodoni selbst: viel weißer Raum, großzügiger Zeilenabstand und mindestens 10 Punkt Schriftgröße.

Eine von 142 geradestehenden Bodoni-Schriften im Manuale Typografico (Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Octavo/Bridwell Library)

Wetten, dass …? die typografischen Höhepunkte …

Beyoncés (Destiny’s Child, »Dreamgirls«) präsentierte ihre neue Single »Listen« vor ihrem aus Fraktur gesetzten Namenszug

Um Buchstabensuppe drehte sich die Kinderwette; beim Bühnenbild konnten sich die Maler typografisch austoben.

Die Buchstaben-Brille von Wettkandidat Florian Wittekind (7 Jahre, Schüler) aus Heidelberg (alle Abbildungen: ZDF-TV-Stills)

100 beste Schriften (5)

Punkt 22:00 Uhr setzt sich der Fackelzug bei strömendem Regen in Bewegung. Zu den Klängen einer SA-Blaskapelle marschieren Studenten, Professoren und Verbände der SA und SS durchs Brandenburger Tor, eskortiert von berittener Polizei. Ihr Ziel: der Opernplatz (heute Bebelplatz), wo tagsüber ein Scheiterhaufen aufgeschichtet wurde. In wenigen Minuten werden die »zersetzenden« Bücher von Heinrich Heine, Erich Kästner, Karl Marx, Kurt Tucholsky und vielen anderen »dem Feuer übergeben«. Eine Streitschrift mit dem Titel »Kulturbolschewismus?« steht nicht auf der braunen Liste vom 10. Mai 1933 …


Die beste Renner-Biografie schrieb der FontFont-Designer Chris Burke 1998: »The Art of Typography«

Die leidenschaftliche Verteidigung der Moderne in Architektur und Bildender Kunst, verfasst von Paul Renner, erschien ein halbes Jahr zuvor beim Verlag Eugen Rentsch in Zürich. In seinem Heimatland fand der Autor schon 1932 keinen Verleger mehr. Beim Erscheinen hetzt der Völkische Beobachter erwartungsgemäß gegen den Künstler. Im April 1933 wird Renner inhaftiert und muss die Leitung der Meisterschule für Buchdrucker in München abgeben. Einen Monat später flieht er in die Schweiz.

Paul Renners Glück war, dass er 1927 die erfolgreiche Futura-Schriftfamilie auf den Markt brachte. Die Erlöse aus den Urheberrechten sicherten dem kalt gestellten Vordenker während der Nazizeit seine Existenz.


Reproduktion des Bauerschen Futura-Schriftmusters mit der jüngst erschienenen Futura OpenType von Elsner + Flake

Futura, deren erste Entwürfe auf das Jahr 1924 datieren, war stark vom Bauhaus inspiriert. Renner betrachtete sie als die Überwindung der »Unvereinbarkeit von römischer Versalschrift und den lateinischen Kleinbuchstaben, die der handschriftlichen karolingischen Minuskel entstammen«. Seine Futura war der Prototyp einer geometrischen (konstruierten) serifenlosen Linear-Antiqua.

Zwar hielt Renner bei der Erstveröffentlichung an befremdlichen (»antihandschriftlichen«) Formen für a, g, n, m und r fest (siehe Abbildung oben), doch ihren Siegeszug trat Futura ohne diese Figuren an. Im ersten Schriftmusterblatt der Bauerschen Gießerei von 1927 wurden sie als »Spezialfiguren« angepriesen, das zweite von 1928 zeigte sie gar nicht mehr.

Die jüngst erschienene OpenType-Version der Futura von Elsner + Flake enthält den original Rennerschen Zeichenvorrat.


Die Volkswagen-Headline-Schrift basiert auf einer Futura, die 1998 überzeugend von MetaDesign überarbeitete wurde

Palatino Sans ist da

Am Ende meines gestrigen Besuchs bei Linotype bekam ich ein Premiere überreicht: Die erste produzierte Palatino-Sans-Font-CD. Die neue Schriftfamilie ist eine Ergänzung zu Hermann Zapfs Palatino Nova und mehr als eine Besonderheit. Über 50 Jahre nach Erscheinen seiner erfolgreichen Antiqua-Schrift Palatino legt der Darmstädter Schriftentwerfer eine passende Sans auf. Die Entwürfe dafür entstanden allerdings schon 1973 (Abbildung oben).

Zu Goethes 200. Geburtstag erschien 1949 in Frankfurt am Main das Büchlein »Von der dreifachen Ehrfurcht – Gedanken Goethes über Erziehung zu edlem Menschentum« (nummeriert, Auflage 1000 Exemplare). Schriftfreunde zahlen heute ein kleines Vermögen für diese Drucksache, gesetzt aus einem Probegrad der Palatino.

Ein Jahr später erscheint Hermann Zapfs erfolgreichste Schrift offiziell, sowohl für den Handsatz wie auch den Linotypesatz. Der kursive und der halbfette Schnitt folgen 1951. Das Gutenberg-Jahrbuch gehört zu den ersten Benutzern der Palatino und adeln sie damit. Der internationale Durchbruch begann, als 1956 die Standard Oil Company ihren Jahresbericht in Palatino setzte.

Mehr als fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung wurde die Schrift 2004 als Palatino Nova – komplett überarbeitet – neuveröffentlicht. Die sorgfältigere Digitalisierung und ein größerer Zeichenvorrat machen die Beschränkungen von Blei- und Photosatz vergessen.

Die nun erschienen Palatino Sans ist eine bemerkenswerte OpenType-Schriftfamilie … fast könnte man sagen: Erst die neue Font-Technik berechtigte zur Herausgabe dieser Ergänzung. Die 21 Fonts glänzen mit sympathischen Raffinessen, die erst durch OpenType komfortabel nutzbar werden: außergewöhnliche Ligaturen, Mediäval-, Tabellen-, Ordinal- sowie Hoch- und Tiefziffern, Kapitälchen und ungezählte Sonderzeichen.

Die Familie gliedert sich in zwei Stränge: Palatino Sans (Standard) und Palatino Sans Informal, wobei die zweite mehr kalligrafische »Effekte« aufweist. Beide Teilfamilien bieten 5 Strichstärken (Ultra Light, Light, Regular, Medium, Bold) plus 5 echte Kursive; ein Sonderschnitt enthält amüsante Pfeile und spezielle Ligaturen.

Palatino Sans ist ein Kuriosum, eine Art Echo aus der Vergangenheit. Wenn sie von einer neuen Generation von Anwendern überzeugen eingesetzt wird, dürften auch die klassische Palatino und die Palatino Nova in neuem Licht erscheinen. Es wäre bedauerlich, das Potential der Sans lediglich in den angestammten Revieren der Palatino zu vergeuden: Historisches, Poetisches, Urkunden oder gar Beileidsanzeigen. Palatino Sans kann mehr, sie will entdeckt werden …

100 beste Schriften (6)

Dem Geschäftsführer der Londoner Tageszeitung The Times, William Lints-Smith, ist zu Ohren gekommen, dass sich der angesehene Typograf Stanley Morison (40) abfällig über die Druckqualität seiner Zeitung geäußert habe. Am 1. August 1929 sitzen sich beide im Verlagsgebäude gegenüber, um über eine Umgestaltung des Blattes zu sprechen.

Morison, seit 6 Jahren künstlerischer Berater des Satzgeräteherstellers Monotype, beeindruckt den Zeitungsmann mit guten Argumenten, worauf der ihm spontan einen Beraterjob anbietet. Es kommt gleich zur ersten Machtprobe, als Morison ankündigt, dass der Punkt hinter »Times« im Zeitungskopf sein Redesign nicht überleben werde. Lints-Smith berät sich mit den Herausgebern und stimmt eine Woche später zu.

The Times im Wandel der Zeiten:
1: Die erste Ausgabe vom 1. Januar 1788, gesetzt u. a. in Caslon
2: Vor dem Redesign: gebrochene Schrift und ein Punkt hinter »Times«
3: Einführung der Times New Roman durch Stanley Morison am 3. Oktober 1932
4: Die Schrift Claritas in der Ausgabe vom 23. April 1953
5: Times Modern, seit 20. November 2006, entworfen von Luke Prowse

Ende 1930, nach unergiebigen Experimenten an den Druckmaschinen, entscheidet Morison, dass die Zeitung eine eigene, neue Schrift braucht. Im Januar 1931 legt er zwei Entwürfe vor: eine überarbeitete Perpetua und eine modernisierte Plantin. Eine Expertenrunde entscheidet sich für den zweiten Vorschlag, der kurz darauf als Times New Roman« weltberühmt wird und die Times Old Roman ablöst.

Nach Morisons Vorgaben bringt der Times-Reinzeichner Victor Lardent eine erste Version der neuen Schrift zu Papier. Spezialisten bei Monotype überarbeiteten den Entwurf für die Gravur und den Guss. Die Times-Ausgabe vom 3. Oktober 1932 erscheint erstmals in der neuen Schrift, zunächst für ein Jahr exklusiv. Danach lizenziert Monotype seine Times für die Zeilengießmaschinen von Linotype und Intertype. 1934 kommt das erste aus der Times gesetzte Buch heraus, in den USA steigen die Magazine Time, Life und Fortune auf die Erfolgstype um.

Neue Druckmaschinen und bessere Papiersorten führen Anfang der 50er Jahre dazu, dass sich der Londoner Namenspatron von Times verabschiedet. Eine Wiedergeburt erlebt die Schrift in den 80ern durch die Erfindung der Laserdrucker, die sie in digitalisierter Form auf einem Speicherchip enthalten. Die Betriebssysteme Windows und Mac-OS, denen Times Roman beiliegt, sowie Web-Browser und Textprogramme sorgen über Jahre für die Präsenz der Schrift. Zuletzt sicherte das U.S. State Department ihre Zukunft, als es Anfang 2004 beschloss, dass alle diplomatischen Dokumente in Zukunft aus 14 Punkt Times statt aus 12 Punkt Courier gesetzt werden müssen.

Warum »100 beste Schriften«?

Hitparaden und Rankings erfreuen sich in vielen Industriezweigen großer Beliebtheit. In der Welt der Schriften gab es diese Art der Begutachtung bisher noch nicht … jedenfalls nicht in der von FontShop gewünschten Tiefe.

Unsere Rangliste unterscheidet sich von den bisher bekannten Font-Charts, weil sie gleichzeitig subjektiv und so objektiv wie möglich sein möchte. Der Grund: Die Benutzer der Schriften stimmen mit ab, indem FontShop seine eigenen Verkaufszahlen und diverse Hersteller-Umsatzlisten der letzten 10 Jahre in die Bewertung hinein nahm. Für die subjektive Gewichtung sorgte eine unbestechliche Jury*, besetzt mit internationalen Experten. Auf Basis der »kommerziellen« Vorauswahl konnte sie streichen und Neuzugänge nominieren, umsortieren, ihr Veto einlegen, auf- oder abwerten. Nach mehreren Durchgängen einigten sich alle auf eine Liste der besten 100 Schriften.

Expertenlisten sind eine beliebte Entscheidungshilfe. Das Aussortieren aus einem Überangebot gehört zu den grundlegenden Kulturstrategien … in der bildenden Kunst, der Musikindustrie, der Literatur oder im Sport. Wir vertrauen den Personen und Dingen, die einen Spitzenplatz einnehmen. Tatsächlich wird es bei einem wachsenden Angebot von inzwischen fast 40.000 Profi-Schriften immer schwieriger, die Qualitätswerkzeuge im Auge zu behalten, mit denen sich sattelfest gestalten lässt. In der schnell drehenden Informations- und Medienindustrie kann der Griff zu einem allgemein anerkannten Problemlöser lebensrettend sein, genauer: jobrettend.

Nicht zu vergessen: der Unterhaltungswert von Bestenlisten. Es gibt kaum etwas Reizvolleres, als das Vergleichen der eigenen Auswahl mit der so genannten Expertenauslese. Auch unsere Jury-Mitglieder konnten dieser Verlockung nicht widerstehen: Und so setzte jeder Juror der öffentlichen Top-100 seine ganz privaten Top-Ten entgegen, einschließlich Begründung. Nicht zuletzt als Entschädigung für das Diktat des Durchschnitts, dem eine neutrale Bestenliste untersteht. Demnächst mehr dazu …

*Die Jury:
Roger Black (Danilo Black, Inc., USA)
Stephen Coles (Typographica, USA)
Jan Middendorp (Publizist, Berlin)
Veronika Elsner (Elsner + Flake, Hamburg)
Bertram Schmidt-Friderichs (Type Directors Club, Mainz)
Ralf Herrmann (TypoForum, Weimar)
Claudia Guminski (FontShop, Marketing und Redaktion)

eBoy: Peter Stemmler geht

Auf der TYPO 2006 traten sie noch zu viert auf … jetzt verlässt Peter Stemmler nach rund 10 Jahren die Designtruppe eBoy (es bleiben: Kai Vermehr, Steffen Sauerteig, Svend Smital). Auf der eBoy-Website heißt es: »Peter is leaving eBoy to focus on his work at Quickhoney. We love you Peter! We love your work and we will all miss you! Good Luck at Quickhoney! Shall the sun shine for you!«Quickhoney sind Nana Rausch & Peter Stemmler. Sie leben und arbeiten in New York.

100 beste Schriften (7)

Der große deutsche Corporate Designer Anton Stankowski (1906 – 1998) verkündete 1989 in einer Anzeige: »Ich akzeptiere nur funktionale Schriften. Die Sie gerade hier lesen ist seit 60 Jahren meine bevorzugte. Sie heißt Akzidenz Grotesk.« Was macht eine Schrift so begehrenswert, dass sich ihr ein emanzipierter Gestalter lebenslänglich unterwirft?

Für die Geburt der Akzidenz Grotesk gibt es kein Datum. Tatsächlich können sich einige als Vater der AG bezeichnen, wie Kenner sie gerne abkürzen. Bereits um 1880 entwarf der deutsche Typograf und Hieroglyphen-Experte Ferdinand Theinhardt (1820–1909) für die Publikationen der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin vier Schnitte einer Serifenlosen, die er Royal Grotesk nannte. 1908 übernimmt Hermann Berthold die Theinhardtsche Schriftgießerei und integriert die inzwischen sehr beliebte »Royal« in seine Akzidenz Grotesk-Schriftfamilie unter der Bezeichnung »AG Mager«.
Der spätere Ziehvater der Akzidenz Grotesk, Günter Gerhard Lange, verweist auf Quellen, nach der ihr Normalschnitt 1899 bei Bauer & Co. in Stuttgart zur Welt kam, kurze Zeit später ebenfalls ein Übernahmekandidat der H. Berthold AG. Diese stellte selbst kurze Zeit vorher eine Accidenz-Grotesk in einer Anzeige vor.

Günter Gerhard Lange führte Akzidenz Grotesk zu Zeiten des Fotosatzes zu einer harmonischen Familie zusammen (Foto: Marc Eckardt, TYPO 1999)

Das große Verdienst GG Langes war es, als künstlerischer Direktor der H. Berthold AG zwischen 1966 und 1972 die unterschiedlichen Zweige der Akzidenz-Grotesk für den Fotosatz zu einer harmonischen Familie zusammenzuführen. Dies brachte der AG neue, glühende Anhänger. Und für viele ist sie noch heute die einzig wahre typografische Geliebte, neben der keine andere Schrift eine Chance hat.

100 beste Schriften (8)

Zwei Motive bewegten mich 1988 dazu, der International Typeface Corporation (ITC) eine neue Schrift vorzuschlagen: erstens hatte ich die glatten, ›hübschen‹ Schriften satt, die von allen Herstellern auf den Markt kamen und zweitens fehlte eine moderne Korrespondenzschrift für Laserdrucker. ›Prima‹, sagte ITC ›dann mach das mal.‹
Mein Konzept sah vor, die Schreibmaschinen-Schriften Letter Gothic und Courier als Vorbilder zu nehmen, und daraus etwas neues zu schaffen. Dabei repräsentierte die Letter Gothic die schmallaufende serifenlose Version, Courier die breitlaufende Antiqua. Ich beschäftigte mich mit der Sans, mein Freund Gerard Unger bot an, den Grundstein für eine Serif zu legen.

Erik Spiekermann 1990 mit eine Vorversion der ITC Officina: fettere Punkturen, diskrete Mediävalziffern (Foto: Hanswerner Holzwarth)

Für die ersten Skizzen zur ITC Correspondence (Arbeitstitel) schielte ich mit einem Auge auf die Letter Gothic, mit dem anderen auf meine Post-Schrift (später: FF Meta; die Red.). Gerard Unger lieferte das Serif-Testwort ›Hamburgefonts‹, danach kam ihm ein wichtiges Projekt dazwischen. Auch ich musste die Schrift liegen lassen. Dann war plötzlich Frühjahr 1989.
Meine Rettung war Just van Rossum, der im Mai bei MetaDesign als Praktikant anfing. Er nahm sich meine Sans, bereinigte die Ikarus-Daten und generierte eine piekfeine Familie. Weil Gerard immer noch beschäftigt war, versuchten Just und ich daraus eine Slab-Serif zu konstruieren. Es sah prima aus. Ende 1989 gingen die Font-Daten zu URW, die per Automatik die abgerundeten Ecken einbauten.
Als im Sommer ’90 die Kontrollabzüge von ITC aus New York kamen, war ich erst mal sauer, weil meine diskreten Mediävalziffern gegen Tabellenziffern ausgetauscht waren, die URW gezeichnet hatte. Außerdem werde ich den Verdacht nicht los, dass jemand unsere kräftigen Punkturen leichter gemacht hat.

Erik Spiekermann (aus: Typen & Typografen, 1991)

Nachtrag: Im Frühjahr 2003 bringt FontShop mit Agfa und von Erik Spiekermann autorisiert ein ITC Officina Komplettpaket im Sinne des Erfinders heraus

Die 100 abgelutschtesten Schriften aller Zeiten

Während sich FontShop gerade mit den 100 besten Druckschriften beschäftigt, wirft Manuel Bieh einen statistischen Blick in die Folterkammer der Schriftenwelt, das Internet. Aus Gründen der Kompatibilität herrscht hier Zwangsjacken-Typografie vor, denn auf die Frage eines jeden Designers – Welche Schriften kann/soll/darf ich verwenden? –, gibt es nur die eine Antwort: Die des Betriebssystem-Monopolisten Microsoft. Hierzu bemerkt der österreichische Designer Jürgen G. Eixelsberger zu recht: »… (so) wird die Eintönigkeit des Webs nie enden.«

Auf Manuel Bieh’s Schriftstatistik-Seite sammelt ein Flash-Applet Informationen über die eigenen installierten Schriften und generiert eine Statistik der am meisten installierten Fonts. Da gibt es keine Überraschungen. Überraschend ist auch nicht, das keine dieser Namen in FontShops 100-beste-Schriften-Liste auftauscht, denn Bewertungszeitraum sind die letzten 500 Jahre und nicht die letzten 15. (Via: Praegnanz und Designblock)