BDG Honorar- und Gehaltsreport 2012

Seit Jahren wachsen die Umsätze in der Kreativwirtschaft. Design-Unternehmen verzeichnen ein Umsatzvolumen von jährlich 19 Milliarden Euro. Und doch kann die Branche offenbar nur einen Teil ihrer Mitglieder ausreichend ernähren. Entsprechend groß ist die Unsicherheit selbst unter Designern, die mit ihren Gehältern und Honoraren zurechtkommen. Nur einer von sieben selbständigen Designern sieht einer Familiengründung gelassen entgegen, unter den angestellten Designern ist es sogar nur einer von zwanzig. Mehr als ein Drittel kann sich aus finanziellen Gründen gar nicht vorstellen, eine Familie zu gründen. Jeder fünfte Teilnehmer gibt an, kein Geld für Weiterbildungsmaßnahmen zu haben.

Bereits zum zweiten Mal hat der BDG Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner nach den Lebensumständen von Designern in Deutschland gefragt. Knapp 2000 Kollegen und Kolleginnen haben sich an der Online-Umfrage beteiligt. Die Ergebnisse zeigen ein umfassendes Bild der Branche mit einigen durchaus erfreulichen teils aber auch erschreckenden Fakten: Fast die Hälfte aller selbstständigen Designer kalkuliert mit einem Stundensatz unter 50 Euro, mit dem keine dauerhafte Existenz zu sichern ist.

Insgesamt zeigt der Report einen erschreckenden Mangel an kaufmännischer Kompetenz. Beispielhaft sei, so der BDG gegenüber der Presse, dass nur einer von vier selbständigen Designern standardmäßig schriftliche Auftragsbestätigungen versendet. Ein Viertel der Befragten lasse diesen Akquiseschritt in der Geschäftsbeziehung dauerhaft wegfallen. Und so erhielten die Ausbildungsinstitutionen für ihre kaufmännische Vorbereitung auf den Beruf in der Umfrage eine glatte Fünf.

Der Verband weiß um eventuelle Verzerrungen, die durch das Befragungsmedium Internet entstehen können. Es sei nicht sicher, ob ein repräsentativer Querschnitt aller Kommunikationsdesigner erreicht wurde. Das Bild unter den Angestellten entspricht jedoch den Ergebnissen, die der BDG in seiner Umfrage von 2010 herausgefunden hat.

»Die Branche befindet sich im Spagat zwischen einem funktionierenden Markt und einem nicht zu übersehenden prekären Vorhof« beobachtet BDG-Präsident Christian Büning. »Sorge bereitet uns insbesondere die Tatsache, dass viele Kolleginnen und Kollegen vor allem in kaufmännischer Hinsicht nur unzureichend auf ihren Beruf vorbereitet sind. Die Teilnehmer der Umfrage haben ihren Ausbildungsinstitutionen hier erschreckend schlechte Noten verliehen. Alle Beteiligten – auch die Verbände – müssen hier unbedingt nachbessern.«

Die 92-seitige Dokumentation der Online-Umfrage zu diversen Aspekten der Arbeitsbedingungen von selbständigen und angestellten Kommunikationsdesignern gibt es hier als PDF … (Konzept, Gestaltung und Fotografie: www.vonzweidesign.de, München)

Druckexemplare können in der Geschäftsstelle per Mail an info@bdg-designer.de abgerufen werden. Für Journalisten sowie BDG-Designer und -Designerinnen ist die gedruckte Dokumentation kostenfrei, andere zahlen 10 Euro.


bukowskigutentag 6/13: Welt verändern

Der Versuch, die Welt zu verändern, hat sich bekanntlich als ziemlich zähe Angelegenheit erwiesen. Kann man das überhaupt? Und wenn ja wer und dann womöglich noch zum Guten? Ich möchte dazu ein Gedankenspiel wagen, beginnend mit dieser These:

Alle Verbraucher zusammen wären die mächtigste Organisation der Welt. Alle Verbraucher einzeln sind das ohnmächtigste Stimmvieh der Welt.

Man stelle sich dazu vor, es gäbe einen Verbraucherverband, dem Millionen Leute in Deutschland angehören. Dieser Verband definiert einen Konsum-Kodex. Auf die schwarze Liste kommen zum Beispiel Unternehmen, die in Deutschland satte Gewinne erwirtschaften, aber keine Steuern zahlen. Oder Produkte aus unfairer, umweltschädigender oder sonstwie dem Gemeinwohl abträglicher Herstellung. Oder Konzerne, die ihren Vorständen obszön hohe Gehälter zahlen. Oder Firmen, die systematisch Kinder zu Zuckerjunkies erziehen. Oder Monopole, die ihre Marktmacht missbrauchen. Und so weiter und so weiter.

Die Mitglieder des Verbands verpflichten sich, ihr Konsumverhalten nach den Vorgaben des Verbandes zu gestalten. Würde ein Faktencheck also ein Unternehmen als eindeutig sittenwidrig ausweisen, hätte dies einen Boykott von Millionen Käufern zu Folge. Die organisierten Verbraucher könnten dadurch ein unfaires Unternehmen von einem Tag auf den anderen ruinieren oder mindestens schwer schädigen. Alle Räder stehen still, wenn der Verbraucher euren Scheiß nicht mehr will, hieß es dann.

Mit anderen Worten, um zur eingangs gestellten Frage zurückzukommen: Die Antwort lautet: Ja. Organisierte Verbraucher könnten die Welt nicht nur ändern, sondern im gewünschten Sinne und mit sofortiger Wirkung. Kein Unternehmen könnte sich mehr den heute üblichen Schweinkram leisten. Keinem Lobbyisten würde es noch etwas nützen, Politiker zu beeinflussen. Keine Werbekampagne könnte mehr unlautere Machenschaften kaschieren und so weiter. Keine politische Partei und nicht einmal eine Regierung wäre so handlungsfähig und einflussreich.

Der Verband könnte außerdem Alternativen aufzeigen, falls der Boykott bestimmter Unternehmen schwer fällt; insbesondere bei Monopolen. Vielleicht müssten die Mitglieder sogar einen Beitrag bezahlen, um die Verbandsarbeit zu finanzieren. Aber das wär’s wert. Und das alte Problem, dass man alleine sowieso nichts ausrichten kann, wäre gelöst, wenn man weiß, dass man sich auf eine Masse an Gleichgesinnten verlassen kann.

Eigenartig. Das klingt ganz einfach eigentlich, oder? Das Gegenteil davon ist leider Realität. Dazu mal ein Tweet:

Ich halte es übrigens für sehr wahrscheinlich, dass ich nicht der erste bin, der auf diese Idee gekommen ist. Vielleicht sind dazu auch schon ganze Bücher geschrieben worden. Wenn jemand davon weiß, freue ich mich über einen Hinweis. Ich würde mich gerne tiefer mit diesem Thema beschäftigen.

Abschließend noch die Frage, ob dieses Vorhaben realisierbar wäre. Keine Ahnung. Vielleicht könnte man ja in kleinerem Maßstab regional anfangen. Angenommen, es gründen sich Ortsgruppen, die sich dann nach Bedarf gegenüber einzelnen Unternehmen zusammenschließen würden. Das wäre dann vielleicht ein Ausrufezeichen, das im Idealfall eine größere Lawine in Gang setzen würde.

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


Auf zur TYPO-Vorabend-Vernissage

Wir freuen uns auf eine maßgeschneiderte Vorspeise zur TYPO Berlin 2013: Die neue Ausstellung Word Jazz bei Mota Italic eröffnet am Mittwochabend mit einer kleinen Party. Weitere Details hier …


Das gute Bild – auf einen Klick

Der freie Artdirector Michael Preidel ist ein Photoshop-Anwender der ersten Stunde: »Meine erste Photoshop-Version hatte die Versionsnummer 1.0.6 und passte 1991 auf eine 3½ Zoll-Diskette«. Seitdem hat sich viel getan. Doch auch mit der aktuellen Version CS6 sind seiner Ansicht nach zu viele grundlegende Aktionen umständlich an einander zu reihen. Gerade bei der Bildbearbeitung muss für ein perfektes Ergebnis noch vieles per Hand erledigt werden: Schatten müssen aufgehellt, Spitzlichter abgemildert werden, manche Bildbereiche brauchen eine Nachbelichtung, die Sättigung in den Dreivierteltönen passt manchmal nicht richtig, manche Motive wirken erst mit einer Vignette, die Hauttöne in einem Portrait müssen verbessert werden usw.

»Im Laufe der Jahre habe ich eine Reihe von Photoshop-Aktionen entwickelt, die mich bei diesen Aufgaben unterstützen.« Um sein Wissen mit anderen zu teilen, hat Preidel die besten und nützlichsten davon unter dem Motto »Das gute Bild« veröffentlicht: 37 Photoshop-CS6-Aktionen für den professionellen Fotografie-Workflow, inklusive Photoshop-Palette.

Bis zum 15. Mai 2013, also kommenden Mittwoch, gibt es die Aktionen-Sammlung inklusive Photoshop-Palette zum Einführungspreis von 8,99 Euro, danach kosten sie 14,99 Euro. Ich habe die Palette selbst getestet und bin völlig begeistert.

Fontblog-Leser haben bis zum Mittwoch außerdem die Chance, eine von 3 kostenlosen Das-gute-Bild-Paletten zu gewinnen. Hinterlasst einfach einen Kommentar hier unter diesem Beitrag, in dem ihr mir in einem Satz verratet, welche Photoshop-Bildkorrektur ihr am häufigsten in eurem Arbeitsalltag einsetzt.


bukowskigutentag 4/13: Huch, fertig!

Wir hatten es hier und hier angekündigt, und jetzt steht das Roman-Manuskript mit dem Arbeitstitel »Der Sandfloh«.

Schon wieder ein Buch also, fragen Sie sich? Muss das immer sein mit diesen Büchern? Wer soll denn das alles lesen? Na ja, ich zum Beispiel, am 16. Mai bei Read on, my dear in der Z-Bar. Jan-Uwe Fitz und Frederic Valin laden ein und lassen freundlicherweise auch mich mal kurz auf die Bühne.

Das heißt: Sie müssen dort nicht lesen, aber zuhören. Um ein wenig Neugier zu wecken hier schon mal vorab ein paar packende Passagen aus dem Text:

»Es war an einem der ersten warmen Frühlingstage …«

»Vor ein paar Monaten erst, erinnerte er sich, hatte er sie auf einer Party …«

»Guten Tag.« – »Guten Tag.«

»… bestellte er an Ort und Stelle für jeden ein Bier.«

Sie sehen, da ist Zug drinne! Und wie man schon anhand der kurzen Auszüge merkt, geht »Der Sandfloh« auch stilistisch ganz eigene und bisher noch nie beschrittene Wege. Hören Sie selbst: am Donnerstag, 16. Mai um 20 Uhr 30 bei Read on, my dear in der Z-Bar.

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


Die »warme« Gira Sans, 14 Fonts, 320,– 249,– €

Der portugiesische Schriftentwerfer und Designer Rui Abreu suchte seine Inspiration für Gira Sans in den Groteskschriften des frühen 19. Jahrhunderts. Die Neue sollte jedoch keine Wiederbelebung einer viktorianischen Schrift werden, sondern ein moderner Font mit einem spielerischen, menschlichen Touch. Und mit einem Hauch Vintage. Gira Sans vereint saubere, klare Buchstabenformen mit warmen Details.

Die Familie bietet sieben Strichstärken plus sieben Kursive dazu. Sie ist unfassbar umfangreich ausgebaut, mit über 700 Glyphen pro Font, darunter nicht nur jede Menge diakritische Zeichen für osteuropäische Sprachen, sondern auch Pfeile, hochgestellte Minuskeln und diverse Ziffernsätze. Mehr Informationen über die Schrift und viele Abbildung in diesem aufschlussreichen Schriftmuster-PDF (14 MB).

Als Stern der Woche gibt es die vielseitig einsetzbare Gira-Sans-Familie bei FontShop bis zum 13. Mai 2013 für nur 249,– € statt der amtlichen 320,– €. Einfach beim Bestellen auf www.fontshop.com den Promocode DE_star_2013_19 verwenden …

Das hier eingebettete Video vermittelt die ganze Wärme, die Texte und Headlines aus Gira Sans ausstrahlen können:


Das Ende des TrueType-Schriftformats?

Das kalifornische Softwarehaus Adobe (San Jose) hat vorgestern eine wegweisende Entscheidung für die allgemeine Entwicklung der Font-Technik bekannt gegeben. Zum dritten Mal in seiner Geschichte vollzieht das Unternehmen damit eine politische Kurskorrektur für sein PostScript-Schriften-Format, das 1984 eingeführt wurde. Fünf Jahre später, im September 1989, wurde den Betriebssystem-Herstellern Microsoft und Apple die Abhängigkeit vom proprietären Adobe-Format zu heikel, und so kündigten sie ein eigenes, offenes Font-Format namens Royal an (späterer Name: TrueType). Als Antwort darauf veröffentlichte Adobe umgehend die bis dahin gehüteten Geheimnisse des PostScript-Type-1-Schriftformats mit dem Ergebnis, dass endlich jeder Schriftentwerfer »amtliche« PostScript-Schriften generieren konnte und sich das Format im grafischen Bereich erfolgreich durchsetzte.

1996 schloss Adobe einen Friedensvertrag in dem von der EDV-Industrie »Font War« getauften Font-Format-Streit. Der PostScript-Erfinder stieg in den ursprünglich von Microsoft entwickelten OpenType-Standard mit ein, der wesentliche Beschränkungen der Formate TrueType und PostScript-Type-1 überwand:

  • nur noch eine plattformübergreifend funktionierende Datei pro Schriftschnitt
  • bessere Unicode-Unterstützung (wichtig für Fremdsprachen)
  • typografische Funktionen (z. B. Ligaturen, Kapitälchen, …)
  • zeichenklassenbasiertes Unterschneiden
  • digitale Signatur

Seitdem gibt es OpenType-Fonts in zwei Ausprägungen (engl flavours):

  • TrueType-flavoured (Dateiendung .ttf) und
  • PostScript-flavoured (Dateiendung .otf)

Die beiden Geschmacksrichtungen beziehen sich auf die mathematische Beschreibung der Buchstabenumrisse, die entweder mit Polynomen zweiten Grades definiert werden (TrueType) oder mit Polynomen dritten Grades (PostScript-CFF = Compact Font Format). Darüber hinaus erlauben TrueType-flavoured OpenType-Schriften auch die Zuweisung mehrerer Codes zu ein und derselben Glyphe, z. B. als A (U+0041), Alpha (U+0391) und kyrillisches A (U+0491).

Ein weiterer Unterschied beider OpenType-Font-Arten liegt in der Steuerung ihres Verhaltens am Bildschirm, auch Hinting genannt. In der Font-Datei hinterlegte Anweisungen sorgen dafür, dass eine mathematisch exakt definierte und verlustfrei skalierbare Buchstabenkurve ohne Störungen in einen Buchstaben aus Bildpunkten (Pixel) umgewandelt werden kann (= rastern). Bei TrueType-Fonts haben Schriftentwerfer mit sogenannte Instructions umfangreiche Möglichkeiten, die Bildschirmqualität zu beeinflussen, und dies für jede Schriftgröße einzeln. Bei CFF-Fonts geben sie dem Rasterizer lediglich grundlegende Hinweise über die Proportionen der Buchstaben (horizontale und vertikale Stämme), was dann für alle Punktgrößen gilt und vom Umwandler intelligent weiter verarbeitet wird. Die Intelligenz dieses Rasterizers lag bis zuletzt in den Händen von Adobe, ein Industriegeheimnis. Sein Kern steckte zu Beginn der Desktop-Publishing-Revolution in einem Hilfsprogramm namens Adobe-Type-Manager (ATM); später kam die Technik in Druckern, im Betriebssystem Windows (DirectWrite) und im Mac OS X zum Einsatz.

Vorgestern nun lüftete Adobe das Geheimnis um seinen CFF-Rasterizer, angetrieben von Google, das diese Entscheidung auch »finanziell förderte« (Adobe). Der Adobe-Rasterizer-Quellcode wird Bestandteil des  FreeType-Projekts, eine freie Programmbibliothek, die Computerschriften verschiedener Formate als Rastergrafiken darstellt. Derzeit werden die Vektorschriftformate TrueType, OpenType, PostScript Type 1 und Type 2 (CFF) und PostScript CID-keyed Fonts unterstützt, CFF-basierte Fonts lange Zeit nur in mäßiger Qualität. FreeType ist ein Open-Source-Projekt, das in beliebige Anwendungsprogramme eingebunden werden kann. Die Bibliothek ist im Bereich der Computerspiele weit verbreitet und millionenfach auf Mobilgeräten im Einsatz, denn Android und iOS bedienen sich auch bei FreeType, sowie Chrome OS, GNU/Linux und andere Linux-Derivate.

Was bedeutet die Kooperation von Adobe, Google und FreeType?

Aus Sicht von Adobe: Der Erfinder von PostScript, Acrobat, PDF und dominierende Entwickler grafischer Software stärkt die Position seines CFF-Formats, also der .otf-Fonts – das Blut in den typografischen Gefäßen von Adobes Anwendungen, z. B. InDesign, Illustrator und Photoshop. In der grafischen Industrie (Verlage, Designbüros, Medien …) ist es sowieso seit Jahren das bevorzugte Font-Format, weil alte und neue Schriften in dieser Form auf dem Markt sind bzw. auf den Markt kommen.

Gleichzeitig öffnet Adobe für .otf die Türen von Anwendungsbereichen, wo bisher TrueType das Sagen hatte: Office-Anwendungen, Web-Design, Apps und mobile Betriebssysteme. Hier war TrueType bis zuletzt im Vorteil, weil sich die Bildschirmqualität dieser Schriften (freilich mit hohem manuellem Aufwand) bis zum Optimum aufpolieren ließ. Laut Adobe wird es aufgrund des nun zur Verfügung gestellten Rasterizers keine Qualitätsunterschiede mehr zwischen .otf und gut gehintetem .ttf geben. Ein weiterer Vorteil der .otf-Schriften im Web und in Mobilgeräten ist die kleinere Dateigröße von CFF gegenüber TrueType sowie die einheitliche Bildschirmqualität über alle Browser, Bildschirme und Mobilgeräte, weil nicht mehr die Qualität des (aufwändigen) Hintings das Schriftbild bestimmt, sondern der (mitdenkende) Rasterizer diese Arbeit übernimmt.

Aus Sicht der Schriftentwerfer: Schriftentwerfer wünschen sich schon lange eine Bereinigung der Formatvielfalt. So antwortete der FontFont-Produktmanager Ivo Gabrowitsch vor drei Wochen auf die Frage eines TYPO-San-Francisco Besuchers, ob irgendwann mal auf allen Geräten und im Web ein einziges Font-Format zum Einsatz kommen werde, mit einem schlichten: »Ja«. Der nun vollzogene Schritt von Adobe macht deutlich, dass dieses Format sicherlich nicht TrueType sein wird.

Entworfen werden die meisten Schriften sowieso seit fast 30 Jahren auf Basis kubischer Bezierkurven in Programmen wie Robofont, Fontlab oder Glyphs. Die Technik der Kurvenbeschreibung mit Stützpunkten und Vektoren ist den Designern vertraut aus Programmen wir Adobe Illustrator oder Photoshop. TrueType ist für die meisten ein eher unbeliebtes Zwischen- oder Zielformat, wobei das Hinting ein mühsame Fleißarbeit darstellt. Wenn diese also in Zukunft entfällt, umso besser.

Aus Sicht der Anwender: Hier ändert sich erst mal nicht viel. Alle Android-Geräte, die kein OS-Update erleben werden, kommen auch nicht in den Genuss einer verbesserten Schriftdarstellung. Wer jedoch Webseiten baut, dem stehen in naher Zukunft weit mehr Schriften zur Auswahl als bisher, weil nicht nur die eher seltenen handgehinteten TrueType-Webfonts (beispielsweise die Web-FontFonts) am Bildschirm bestens lesbar dargestellt werden, sondern nun auch die CFF-basierten Schriften. Schließlich wird sich das verwirrende Angebot unterschiedlicher Formate für ein und dasselbe Schriftdesign auch irgendwann bereinigen.

Es sind jedoch weniger nur die lateinischen Schriften, die vom befreiten Adobe CFF profitieren werden, wie Stuart Gill und Brian Stell von Google erklären. Vor allem bei chinesischer, japanischer und koreanischer Schrift gebe es endlich deutlich weniger Irritationen im Schriftbild. Weil das manuelle Hinting asiatischer Schriften mit tausenden von Zeichen unglaublich aufwändig ist (oder gar aussichtslos), profitieren diese Sprachregionen ganz besonders vom intelligenten CFF-Rasterizer und FreeType.


bukowskigutentag 4/13: Alter Schwabe!

Liebes Texter-Tagebuch, weißt du noch damals, vor ein paar Jahren? Da hatte ich meinen härtesten Job. Der fing ganz harmlos an. An einem Donnerstag im Sommer stieg ich in die Bahn und fuhr nach Stuttgart. Von dort ging es mit einem Regionalzug weiter in eine Kleinstadt im Ländle, wo mich jemand vom Bahnhof abholte und mich zum Auftraggeber kutschierte: ein schwäbischer Mittelständler und ordnungsgemäß Weltmarktführer in seinem Segment.

Vor dem Firmengebäude begrüßten mich die Chefs, mit vorerst etwas skeptischen Blicken, was das da denn für eine Type aus Berlin sei und was man überhaupt von jemandem halten sollte, der Texte für Firmen schreibt. Dann wurde der Grill angeworfen und mit Bier angestoßen.

Ein paar Stunden später waren zwei Kästen Bier und zwei 1,5-Liter-Flaschen Vodka leer und ich voll. Und zwar so voll wie noch nie in meinem Leben. Ein Kurzer nach dem anderen ging über den Tisch und ich wußte nicht, wie ich mich dem entziehen sollte. Wie der Abend und die Nacht weiter verliefen, weiß ich nur noch in groben Erinnerungen. Irgendwann saßen wir irgendwo anders und tranken da weiter. Später saßen wir in einem Taxi und standen plötzlich in Stuttgart vor einem Club oder so, in den wir dann zum Glück nicht gegangen sind.

Am frühen Morgen, so gegen fünf Uhr schätze ich, landete ich sturzbetrunken auf welchen Wegen auch immer in meinem Hotelzimmer, wo ich am nächsten Tag gegen halb zwölf Uhr mittags wach und dachte »Ach du Scheiße!«. Einmal abgesehen von meinem Zustand, war da nicht für morgens ein Briefing-Termin vorgesehen gewesen? Ja.

Eine Stunde später hatte ich mich verlaufen. Eigentlich, meinte ich mich zu erinnern, lag die Firma doch nicht weit vom Hotel entfernt. Aber ich befand mich plötzlich auf einem Feldweg irgendwo in der Pampa. Es war mir etwas peinlich, den Mitarbeiter anzurufen mit der Bitte, mich abzuholen von da, wo ich gerade auch nicht weiß, wo ich bin. Das klappte aber und eine weitere halbe Stunde später saß ich im Konferenzraum beim Mittelständler, wo man inzwischen beim zweiten Frühstück war. Die Chefs und Mitarbeiter begrüßten mich mit bester Laune, von einem Kater bei keinem eine Spur. Die Leute waren schon wieder seit morgens im Einsatz. Einer aus unserem Alkohol-Exzess-Team von gestern war sogar seit halb acht Uhr morgens schon wieder fleißig am Schaffe.

Mit mir war allerdings nicht so viel anzufangen. Zum Glück machte mir niemand einen Vorwurf, nicht am frühen Morgen zum Briefing-Termin erschienen zu sein. Man amüsierte sich nur etwas über mich. Warum man nicht verärgert war über mein Fehlen, stellte sich dann bei Kaffee und belegten Brötchen schnell heraus: Es gab eigentlich kein Briefing. Niemand konnte mir erklären, was denn im Detail in der zu textenden Unternehmensbroschüre stehen sollte. Das fand ich gut. Hätte eh kaum zuhören, geschweige denn etwas verstehen oder aufnehmen können. Im Nachhinein könnte man fragen, wozu ich überhaupt aus Berlin angereist war, außer um abgefüllt zu werden, aber lassen wir diese kleinteilige Frage mal beiseite.

Nach dem Frühstück am Mittag fuhr mich der Mitarbeiter wieder zum Bahnhof und ich mit dem Zug zu meinen Eltern aufs Land. Dort erholte ich mich von Freitag bis Sonntag von meinem Kater. Am Montag schrieb ich die Broschüren-Texte, die dann fast ohne Änderungen durchgewunken wurden, und schrieb meine Rechnung, die pünktlich bezahlt wurde.

Heute, mit ein paar Jahren Abstand kann ich nur sagen: Alter Schwabe! Was war das denn? Also, zugegeben: Maschinenbau könnt Ihr besser als ich. Saufen auch. Moment mal, sehe ich da etwa einen Zusammenhang? Na ja, tatsächlich erinnere ich mich an einige rein Kaffee basierte Jobs, die deutlich zähflüssiger verliefen.

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


★ der Woche verlängert: Alana, nur 67,– 49,– €

Wegen des großen Erfolgs gönnen wir der authentischen Schreibschrift von Laura Worthington eine zweite Entwicklungsstufe – zu noch größerer Bekanntheit: Wir verlängern das Angebot um 8 Tage. http://www.fontblog.de/der-woche-alana-2-fonts-nur-67-49-e


Schriftdesign-Messe in Mainz

»Plattform für Schriftgestaltung« lautet das Motto der ersten »Imprint Fair« in Mainz. Die Messe für Schriftgestalter und Schriftverleger findet am 8. Juni erstmals im Rahmen der Ausstellung »Call for Type« (7.6. – 8.9. 2013) im Gutenberg-Museum statt. Sie dient als Plattform für Schriftgestaltung und möchte den persönlichen Austausch fördern. Ziel ist es, den konstruktiven Dialog mit Gleichgesinnten zu unterstützen und auszubauen. Etwa 20 Schriftgestalter und -verleger aus ganz Europa werden vor Ort sein, um ihre Entwürfe, Kataloge und freien Arbeiten zu präsentieren oder zu verkaufen. Parallel dazu können alte und neue Schriftentwicklungen diskutiert, beurteilt und hinterfragt werden.

Parallel zur Messe starten am 7. Juni auch die »Gespräche über Schrift«, die am 8. Juni und am 19. Juni 2013 ihre Fortsetzung finden. Jeweils 3 bis 4 Typedesigner stellen sich und ihre Arbeit vor: den Prozess der Gestaltung, von der Idee über die Entwicklung bis hin zur Anwendung. Am Beispiel einer von ihnen gestalteten Schrift tragen sie ihre persönliche Idee und Absicht vor, sprechen über Inspiration und Motivation und geben so einen exklusiven »Werkstatteinblick«.

Die dritte Initiative im Rahmen der Mainzer Schriftveranstaltung ist der Wettbewerb »Open Call for Type« (bereits abgeschlossen). Er wurde vom Gutenberg-Museum und dem Institut Designlabor Gutenberg (FH Mainz) ausgelobt und stieß auf große internationale Resonanz. 290 Schriftentwürfe aus 18 Ländern verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise den Stand des aktuellen Type-Designs. Nun wurden von der Jury (Petra Eisele, Lars Harmsen, Bernhard Hofmacher, Akira Kobajashi, Annette Ludwig, Isabel Naegele, Robin Scholz) 50 Arbeiten für eine Ausstellung ausgewählt, die ab dem 6. Juni im Mainzer Gutenberg-Museum gezeigt werden.

Weitere Informationen zu den drei Veranstaltungen …


bukowskigutentag 3/13: Lotto für Arme

Schon wieder ein neuer Rekord: 46 Millionen Euro diesmal! Der größte deutsche Lotto-Jackpot aller Zeiten wurde ausgeschüttet. Na, da freue ich mich aber – nicht. Im Gegenteil. Dieser erneute, allerzeitenste Super-Duper-Rekord bringt bei mir das Glücksfass zum Überlaufen. Endgültig.

Missgönne ich dem Gewinner oder der Gewinnerin die Kohle? Keineswegs. Es interessiert mich nicht. Was mich dagegen nicht nur interessiert, sondern sogar enerviert, ist das konstant pervertierende Lotto-System. Es scheint mir übrigens eine erschreckend analoge Entwicklung zur allgemein überhitzten Spirale in Sachen gesellschaftlicher Umverteilung von Wohlstand. Bekannt ist ja, dass ein Konzernvorstand früher ein zweistelligfaches eines durchschnittlichen Arbeitnehmers verdiente, heute dagegen ein dreistelliges Vielfaches. Immer munter weiter von unten nach oben lautet auch das Motto bei Lotto.

Was da los ist bei bei der staatlichen Lotterie, erzählte sie mir kürzlich unaufgefordert selbst, in Form einer E-Mail mit klassischem Euphemismus-Sprech zur Verschleierung und Schönung der Tatsachen. Hier drei Beispiele aus dieser Mail mit einer kurzen Übersetzung ins Klartextdeutsch:

Lotto wird also für mich attraktiver, weil eine Umverteilung von kleineren Gewinnen zum Jackpot vorgenommen wird. Ob ich diese Aussage unterschreiben würde, hat mich allerdings niemand gefragt. Zurecht. Ich würde sie nicht unterschreiben, sondern sogar ganz anders interpretieren. Nämlich so: Kleinere Gewinne zahlen für den großen Jackpot-Overkill. Satte 2,8 Prozent werden von unten abgezogen und oben draufgepackt.

Künftig wird es schon für zwei Richtige plus Superzahl einen Gewinn geben: 5 Euro! Bei dieser Nachricht floss bei mir aber der Champagner in Strömen, kann ich euch sagen, liebe Leute. Ich bin jetzt noch ganz besoffen vor Glücksrausch.

Und hier mein ganz besonderes, persönliches Leckerhäppchen: »Vereinfachtes Preissystem«? Geil! Und: »… erfreulicherweise steigen auch die Jackpots und ihre Gewinnchancen«? Noch mal geil! Und, ach so, bevor wir es vergessen: Es wird ein bisschen teurer. Aber nur ein bisschen, nämlich nur läppische 25 Prozent, also ein schlappes Viertel … 25 fucking Prozent? Meine Fresse!

Und jetzt eine kurze Rückblende. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als Eltern, Großeltern und andere Lotto spielten. Da wurde immer mal was gewonnen. 1000 Mark zum Beispiel. Das war toll. Bei niemanden war Reichtum ausgebrochen, aber es gab was Neues zum Anziehen, Spielsachen für die Kinder und so weiter. Sehr nett.

Und gleich wieder zurück in die Gegenwart. Ich spiele seit etwa zehn Jahren Lotto mit wöchentlich zwei Ziehungen und zwölf Feldern. In diesen zehn Jahren habe ich zweimal 4 Richtige gehabt. Man sieht also, wie unwahrscheinlich allein schon diese 4 Richtigen sind. Vor kurzem hatte ich wieder diesen kleinen Miniatur-Jackpot und für meine 4 Richtigen wurden mir satte 52 Piepen irgendwas ausgezahlt. Na da war bei mir aber gleich mal schon wieder der Champagner geflossen, kann ich Ihnen sagen.

Fazit: Lotto dreht zunehmend an einer völlig überdrehten Jackpot-Spirale. Wie im richtigen Leben zahlen die kleinen die Zeche für die großen. Sprich: die Kleingewinne sinken und finanzieren damit die regelmäßig neuen größten Jackpots aller Zeiten. Ich finde das zum Kotzen.

Leider darf man annehmen, dass die Leute genau diesen Kick der Superlative wollen. Ich hatte mich vor Jahren sogar mal mit dem Geschäftsführer eines Online-Lotto-Anbieters ausführlich unterhalten. Ihm persönlich gefiel meine Idee eines entspannten Lotto mit guten Gewinnchancen auf realistischere Gewinne – also öfter mal einen Tausi, aber dafür auch keine hundert Zillionen ganz oben. Aber er sah dafür keinen Markt.

Man überlege einmal: Anstatt dass aktuell einer oder eine mit 46 Millionen Euro beglückt wird, könnte es jetzt 46 Leute mit einer Million auf dem Konto geben. (Hier machen wir mal eine kleine volkswirtschaftliche Hobby-Ecke auf: 46 Leute mit einer Million würden sich jeweils ein neues Auto kaufen und ein Häusle bauen. Sprich: Die Wirtschaft ankurbeln. Eine Person mit 46 Millionen wird sich aber nicht 46 Autos kaufen und auch keine 46 Häusles bauen. Fazit: Auch die Volkswirtschaft guckt bei diesem Umverteilungsmotor mit akuter Oben-Unten-Unwucht doof aus der Wäsche).

Und jetzt mache ich gleich noch eine Klammer auf, diesmal eine kleine Psychologie-Krabbelgruppe: Was bringen mir bitte schön 46 Millionen Euro? Angenommen, ein Betrag von 2 Millionen würde mir die Freiheit gewähren, für den Rest meines Lebens nicht mehr meine Arbeitskraft zu Markte tragen zu müssen. Diese Schwelle ist absolut und nicht steigerbar. 46 Millionen Euro (geteilt durch 2) würden mir also nicht zusätzliche 23 Mal die absolute Freiheit gewähren können. Höchstens ein »Freiheit für«-Effekt wäre das Ergebnis; also die Freiheit, große Mengen an Geld zu investieren, zu spenden oder sonstwie sinnvoll nutzen können. Aber ein Zuwachs an Freiheit von »seinen Lebensunterhalt verdienen müssen« können mir auch 460 Millionen oder 4,6 Milliarden einfach nicht bieten.

Abschließend mein Vorschlag: Wenn schon, dann richtig, Lotto! Schaff doch gleich alle Gewinnklassen unterhalb des Hyper-Mega-Wega-Ultra-Geilo-Jackpots aller Zeiten ab. Dann gibt’s jede Woche einmal 100 Millionen für genau eine Person, dazu geile Schlagzeilen, neue Kunden mit Sabber in den Mundwinkeln und gut is.

Was mich persönlich anbetrifft, ich bin raus. Meinen Lottoschein kündige ich mit einer gewissen »Aber sowas von!«-Verve. Stattdessen habe ich ein anderes Gewinndings aufgetan. Da gibt es – halten Sie sich fest – einen maximalen Hauptgewinn von sportlichen – Achtung! – 15.000 Euro. Garantiert keinen Cent mehr. Da mach ich mit. Tschüss, Lotto.

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


Daniel Trattler, Creative Morning Berlin Nº 19