Wally Olins, 1930 – 2014

@ Marc Eckardt

Wally Olins, einer der großen Markenmacher -und -designer unserer Zeit, Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (CBE), starb am gestrigen Montag nach kurzer Krankheit im Alter von 83 Jahren (Quelle: The Guardian). Seine bekanntesten Projekte sind die Entwicklung der Dachmarke VAG für die Volkswagen-Gruppe Ende der 1970er Jahre, das Rebranding der Britischen Telecom zu BT, sowie die Markenführung von Akzo Nobel, Fujitsu und Repsol. 1968 empfahl Olins den Beatles, ihre frisch gegründete Plattenfirma Apple Records zu taufen, 25 Jahre später verlieh er Hutchison Telecom den Namen Orange. Olins definierte Corporate Identity als »Unternehmensstrategie sichtbar gemacht«.

Auf unserer Konferenz TYPO Berlin 2007, wo das obige Foto entstand, stellte Wally Olins seine jüngste und letzte Initiative vor, Nationen und Städte eine Identität nach dem Muster von Marken zu geben. London, Mauritius, Nordirland, Polen, Portugal, Litauen und andere Regionen wurden seitdem seine Auftraggeber. Seinen Vortrag von damals haben wir ins Netz gestellt, hier ist er zu sehen …

Wally Olins wurde 19. Dezember 1930 geboren. Nachdem er am St. Peter’s College in Oxford Geschichte studiert hatte, zog es ihn nach London und dort in die Werbung. Sein erster großer Job war die Geschäftsführung eines jungen Unternehmens, das später Ogilvy und Mather Bombay wurde, wo er 5 Jahre lebte. Anschließend kehrte Olins nach London zurück, um mit seinem Partner Michael Wolff das auf Markenberatung spezialisierte Unternehmen Wolff Olins zu gründen. In den darauffolgenden Jahren expandierte das Unternehmen mit weiteren Standorten in Hamburg, Paris, San Francisco, Madrid und Lissabon, die heute nicht mehr existieren; 1998 eröffnete Wolff Olins ein Büro in New York, 10 Jahre später ein weiters in Dubai.

1989 veröffentlichte Wally Olins das Standardwerk »Corporate Identity – Strategie und Gestaltung«, das ihn zum Pionier der Branche machte. Nachdem Michael Wolff bereits 1983 aus seiner Firma ausgestiegen war, folgte Wally Olins 2001, um mit seinem Kollegen Jacob Benbunan ein neues Unternehmen zu gründen. Sie mieteten eine schicke Altbauwohnung in London, strichen die Wände gelb an, kauften gelbe Teppiche und nannten sich Saffron, zu deutsch: Safran. Denn ein gutes Corporate Design kann Wunder wirken: Eine Messerspitze genügt, und alles färbt sich ein. Saffron spezialisierte sich darauf, Stadtmarken zu entwickeln und Nationen zu positionieren.

Erst gegen Ende seiner Laufbahn merkte Wally Olins, dass er sich selbst nie richtig vermarktet hatte. In einem Interview äußerte er 2001: “I have not consciously branded myself at all. It is true that I wear a bow tie and funny spectacles but it is not conscious branding”. Zumindest entstand auf der Basis von Brille und Fliege ein eigenes Logo, das er auf seiner Website einsetzt.

Wally Olins’ Sohn Rufus Olins, eines von vier Kindern, erklärte heute gegenüber dem Guardian: »Er wollte zuletzt nur noch sein Buch ›Brand New‹ fertig bekommen, das letzte Woche erschien*. Seine Krankheit war kurz, und er arbeitete bis zuletzt, getreu seinem Motto ›Lasst uns weitermachen‹. Bis vor zwei Monaten reiste er noch ins Ausland. Er wollte nie in Rente gehen, und genau so kam es auch.« Bis zuletzt war Olins Aufsichtsratvorsitzender bei Saffron Brand Consultants. (Foto: @ Marc Eckardt)

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*Rezension im Economist: Brand Old Man; die offizielle Premiere für das Buch findet erst am 13. Mai 2014 im Victoria und Albert Museum statt. Im nachfolgenden Video spricht Wally Olins über sein letztes Buch »Brand New. The Shape of Brands to Come«.


Jerszy Seymour gewinnt den »Kölner Klopfer« 2014

Die Studierenden der Köln International School of Design (KISD) haben zum 15. mal ihren Designer des Jahres gewählt. Mit dem Kölner Klopfer wird dieses Jahr der international renommierte Gestalter Jerszy Seymour ausgezeichnet. Die Verleihung findet am 8. Mai um 18.00 Uhr in der KISD statt. Überreicht wird die Auszeichnung von den Studierenden Antonia Fedlmeier, Moritz Wallasch und Sascha Praet, die Seymour für den Preis nominiert haben.

klopfer2014

Jerszy Seymour lebt und arbeitet seit 2004 in Berlin und betreibt dort sein Studio »Design Workshop«. Er hat für namhafte Unternehmen wie Moulinex, Vitra, Magis oder SFR gearbeitet. Sein stapelbarer Tisch »Easy Table«, produziert von Magis, aus dem Jahr 2006, wurde in die Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York aufgenommen. Die von ihm veranstaltete Workshops sind das zentrale Element seiner Arbeit. Design-Ikonen wie der »Workshop Chair« oder der »Amateur Masters Chair« sind aus solchen Projekten hervorgegangen und haben den Begriff des »Amateurs« geprägt: Eines Liebhabers, eines passionierten »Nicht-Professionisten« als Form des Seins, der fernab von teuren Herstellungsprozessen autark und mit den gegebenen Materialien gestaltet. Seinen Workshops entsprechend stehen nicht die Produkte, sondern das gemeinsame Herstellen, aktive Gestalten und Teilen im Fokus.


Neu auf Next FontShop: über 700 Fontlisten

Bereits eine Woche nach dem Launch von next.fontshop.com haben wir gestern bereits die erste Erweiterung ins Netz gestellt: nützliche Fontlisten. Hierbei handelt es sich um kuratierte und ständig aktualisierte Schriftempfehlungen zu unterschiedlichen Themen. Ein Großteil der Listen zeigt Alternativen zu häufig verwendeten Schriftklassikern (Helvetica, FF Dax, Futura, …). Andere bündeln Schriften nach Genre (Art-Deco, Geralde, 1930er Jahre, …), listen Problemlöser (Buchschriften, Zeitungsschriften, Stencil, Monospaced, …) oder widmen sich bestimmten Epochen. Zu den Fontlisten geht es über diesen Link oder über das Hauptmenü von Next Fontshop, dass sich hinter dem FontSHop-Logo verbirgt.

Fontlisten auf next.fontshop.com


Sneak peek: Next fontshop.com

Für die Neugierigen: einfach aufs Bild klicken und live ausprobieren … Ein paar ergänzende Worte, die ich hinter den Kulissen der Entwicklung aufgeschnappt haben, finden sich unterhalb der Abbildung:

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In den letzten drei Jahren hat das Web die typografischen Spielräume stark erweitert: Webfonts, Ligaturen, Kerning, OpenType-Features, und vieles mehr wird von den wichtigsten Browsern unterstützt. FontShop und FontFont haben immer an diese Zukunft geglaubt (vgl: Heute ist Webfont-Tag, vom 26. Februar 2010). Die naheliegende Konsequenz aus dieser positiven Entwicklung ist, dass eine FontShop-Website heute (genauer: morgen) dramatisch anders aussehen und funktionieren muss als bisher.

Gestern haben wir next.fontshop.com ins öffentliche Netz gestellt, zum Angucken, Herumspielen, zum Testen. Die Schrift ist der Held auf einer One-page-Bühne: keine Kästchen hier, Boxen da, JPGs, Pop-up-Fenster und andere Störungen. Noch kann man keine einzige Schrift downloaden oder direkt lizenzieren. Trotzdem sind wir stolz darauf, die Hälfte der Strecke zum Next FontShop schon mal mit allen Schriftenfreunden der Welt teilen zu können.

Das funktioniert schon:

  • Browsen durchs gesamte FontShop-Angebot
  • Family-Seiten aufrufen, davon 10 mit redaktionellen Inhalten
  • Foundry-Seiten aufrufen, davon 12 mit maßgeschneiderten Inhalten
  • Designer-Seiten aufrufen, davon 10 redaktionell gepflegt
  • einfache Suche, einfache Suchergebnisse
  • rudimentäre Homepage
  • einige statische Seiten
  • Feedback-Optione für Besucher

Schon in zwei Wochen wird eine weitere hilfreiche Erweiterung freigeschaltet.

Unser Dankeschön geht an EdenSpiekermann für die Entwicklung und Programmierung der Webseite, an das Technik-Team bei FontShop-International und an Ivo Gabrowitsch, der das Projekt Next FontShop leitet. Insgesamt waren 58 Kolleginnen und Kollegen in den letzten 6 Monaten mit der neuen Website beschäftigt.


Die kleinste Schriftsippe der Welt: FF Antithesis

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Antithesis ist die neueste Schrift von Jan Gerner aka Yanone, dessen kommerzielle Premiere FF Amman Sans und Serif  vor 4 Jahren hier im Fontblog gefeiert wurde. Weit mehr Grafikdesigner kennen ihn als Entwerfer des Freefonts Kaffeesatz (heute ein Google-Font), aus dem später die professionelle Familie FF Kava wurde.

Eines Vorweg: der Name von Yanones jüngstem Release steht in keinem Zusammenhang mit der berühmten Schriftsippe Thesis von Luc(as) de Groot (TheSans, TheSerif, TheMix, …), was sich alleine schon aus dem Aussehen und dem Umfang von Antithesis (3 Schnitte) ablesen lässt. Nein, die Antithesis hat ihre ganz eigene Entstehungsgeschichte und ist eng mit einem Kurzfilm von Yanone verknüpft, der in zwei Wochen auf der TYPO San Francisco Weltpremiere feiern wird und im Mai auf der TYPO Berlin Europapremiere.

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Yanone, aufgenommen von Daniel Scholz wärend der Dreharbeiten zum Antithesis-Tanzfilm

Wenn hier von der »kleinsten Schriftsippe der Welt« die Rede ist, so sei noch mal daran erinnert, dass wir von Sippen statt von Familien reden, wenn ein Schriftsystem mehrere Schriftklassen abdeckt, zum Beispiel Sans, Serif und Slab; im Englischen hat sich der Begriff Super-family durchgesetzt. Mich persönlich erinnert das Wortspiel an das britische Rockduo Hardin & York Anfang der 1970er Jahre, die als »kleinste Big-Band der Welt« bezeichnet wurden, weil sie alleine mit Keyboard und Schlagzeug eine Riesenshow auf der Bühne abzogen, freilich ohne Sequencer und gespeicherte Tracks. Zurück zur Superschrift und kurz begründet: Antithesis besteht aus drei Schnitten – Regular, Italic und Bold –, die sich drei Schriftklassen zuordnen lassen.

Die dynamische Neuheit ist Yanones Meisterstück aus der Schriftgestaltungsklasse Type and Media an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Den Haag. So ungewöhnlich der Name, so außergewöhnlich das Bauprinzip der drei Schnitte: Die Spannung zwischen drei ungleichen Polen. Anders als bei vielen Schriften heute üblich, besteht Antithesis nicht aus einer Vielfalt interpolierter Strichstärken, die dem gleichen Konstruktionsprinzip folgen. Antithesis ist eine Familie aus nur drei Schnitten, deren Konstruktion sich maßgeblich voneinander unterscheidet. Die Normale ist eine scharfkantig geschnittene Slab-Serif, die Kursive eine verbundene Schreibschrift und die Fette eine serifenlose Grotesk— drei Formprinzipien unter einem Dach, was in dieser Kombination äußerst unüblich ist.

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Schon während des Type-Design-Studiums in Den Haag hatte Yanone die Idee, sein Konzept der Spannung in einen Kunstfilm zu verwandeln. Im Sommer 2011, nach dem Ende des einjährigen Master-Studiums, kam ihm, nach Gesprächen mit der langjährig befreundeten freien Dresdner Tänzerin Johanna Roggan und mehreren Festivalbesuchen in der Psytrance-Szene, die richtungsweisende Idee: Es soll ein rund 10-minütiger Tanzmusikfilm werden, in dem Johanna Roggan im Rampenlicht steht und sie die Freiheit bekommt, die gemeinsam erarbeitete Handlung rund um die Spannung zwischen den drei Polen (frei nach der philosophischen Dialektik These, Antithese und Synthese) und den drei Phasen der Entstehung des Universums (nach hinduistischem Glauben Entstehung, Dauer und Auflösung) aufs Parkett zu bringen.

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Die Dresdner Tänzerin Johanna Roggan spielt die alleinige Hauptrolle in dem 10-Minuten Tanzfilm »Antithesis«

Ursprünglich sollte es ein 3D-Film werden, worauf Yanone jedoch aus Kostengründen verzichten musste. Nicht verzichtet hat er auf die adäquate Begleitmusik. Der Berliner Komponist und Musikproduzent Georg Bauer war sofort begeistert vom Thema und steuerte die Komposition und Produktion der Musik bei. Die Sopransängerin Anna-Sophia Backhaus wirkte ebenfalls beim Soundtrack mit. Der Film entstand aus Naturaufnahmen in der Sächsischen Schweiz und Innenaufnahmen in einem improvisierten Studio. Hier ein Trailer zum Film, der vor einem Jahr entstand:

Antithesis – Trailer from Yanone on Vimeo.

Zum Vertrieb der Schrift Antithesis sagt Yanone heute: »Ich habe mich in der Zwischenzeit entschlossen, entgegen meiner bisherigen Vorstellung, nicht den Weg des unabhängigen Schriftgestalters zu gehen, der seine Fonts selbst veröffentlicht und vermarktet. Stattdessen setze ich erneut mein Vertrauen auf die FontFont-Bibliothek von FontShop und die bewährte Zusammenarbeit. Auf die Art werde ich komplett unabhängig bleiben, selbst unabhängig von Büroarbeit, die das Schriften-Verlagswesen mit sich bringt. Ich möchte in der näheren Zukunft vermehrt reisen.«

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Yanone, mit bürgerlichem Namen Jan Gerner, wurde 1982 in Dresden als Sohn eines Kraftfahrzeugtechnik-Ingenieurs und einer Industrie-Architektin geboren. Nachdem er neun Jahre seiner Kindheit und Jugend mit der Familie in Addis Abeba, Hauptstadt des ostafrikanischen Äthiopiens lebte, kehrte er 1997 ins wiedervereinigte Deutschland zurück und schloss seine Schulbildung am Gymnasium in Dresden ab. Sein Vater lehrte ihm mit 14 Jahren die Programmiersprache Pascal. Das zum Hobby gewordene Programmieren sollte fortan sein Berufswunsch sein. Frühe Erfahrungen im Web-Design und das Gestalten der Abi-Zeitung seines Jahrgangs verschoben den Fokus allerdings schnell auf die Gebrauchsgrafik, und Schriftgestaltung im Speziellen.

2002 nahm er das Studium der Mediensysteme an der Bauhaus-Universität in Weimar auf, wo er 2004 ins Fach Visuelle Kommunikation wechselte. Ein Freund brachte ihm damals das Gefühl für das Gestalten einzelner Buchstaben und die benötigte Software bei, was sein Interesse in Schriftgestaltung erneuerte. Seine sieben Universitäts-Jahre brachten ihn u.a. auch zu einem Praktikum nach Amman, Jordanien, ins dort ansässige Gestaltungsbüro Syntax, und nach Berlin zum Schriftenhersteller FontShop International. Dort lernte er das Verständnis und den Durchblick zum Herstellen professioneller Schriften.


Versand-Artikel: Der Ausverkauf geht weiter

Unsere Regale möchten wir leeren, um Platz zu schaffen: Mit besonders günstigen Preisen trennen wir uns vom Rest unserer Versandprodukte,
darunter:

Spiele, TYPO-Taschen, Font-Nerd-Shirts, Kalender, Figuren, Bürobedarf … Alles muss raus, alles versandkostenfrei, solange der Vorrat reicht.

Hier die Liste mit den Ausverkaufs-Design-Artikeln. Und hier die Liste mit den nochmals reduzierten Büchern. Schnell bestellen: von den meisten Produkten gibt es nur noch wenige Exemplare.


Jetzt zum Type Talk Nº 9 anmelden: Berlin Lettering

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Der nächste Berliner Type Talk findet bereits am kommenden Dienstag statt (25. März, bitte hier anmelden). Es wird vorerst der letzte Talk im alten Format sein, also ein klassischer Vortrag. Die Talkrunde beim letzten Mal stieß auf so viel Zustimmung, dass wir den Type Talk gerne in dieser Form fortführen möchten. Gleichwohl wird die Präsentation am Dienstag mindestens so spannend und unterhaltsam werden wie die bisherigen Events. Der Schriftentwerfer, Art-Direktor und Buchautor Friedrich Grögel spricht über Lettering in Berlin.

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Schriftmalerei, monumentale Inschriften,  Schrift-Lithographie und Kupferstich … alle diese Techniken gehören in ein riesiges Feld des Schriftschaffens, das im Englischen unter dem Begriff »Lettering« zusammengefasst wird. Im Deutschen haben wir dafür keinen adäquaten Ausdruck. Auch unsere Schriftgeschichtsbücher weisen an der Stelle einen großen blinden Fleck auf. Dies ist bedauerlich, denn die Geschichte des Letterings ist sowohl eine sprudelnde Inspirationsquelle für zeitgenössische Schriftgestaltung als auch ein Zeitzeuge unserer öffentlichen Schriftkultur, jenseits des gedruckten Wortes.

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Der Vortrag von Fritz Grögel beruht auf seinen Recherchen für das Buch Karbid – Berlin, Von Schriftmalerei zu Schriftgestaltung, das vor kurzem bei Ypsilon Éditeur in Paris erschienen ist. ausleuchtet FF Karbid. Für dieses Buch von Verena Gerlach kooperierten sie und Fritz Grögel, der in seinen Texten den geschichtlichen Hintergrund ihres mehrdimensionalen Schriftsystems FF Karbid ausleuchtet. Bei seiner Konzeption ließen sie sich von Schriftmalereien im Prenzlauer Bergs inspirieren, die Verena Gerlach nach dem Fall der Mauer festhielt und die heute fast vollständig verloren sind.

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Der Schwerpunkt von Grögels Vortrags liegt auf den Entwicklungen in Lettering und Schriftmalerei zwischen 1848 und 1918, einer Epoche, in der Deutschland in kurzen Intervallen von ökonomischen, sozialen und gestalterischen Revolutionen überrollt wurde. Zwei wesentliche Aspekte des Vortrags sind der Gebrauch von lateinischen und gebrochenen Schriftformen im öffentlichen Raum und die nach 1850 in Deutschland sprunghaft steigende Beliebtheit serifenloser Schriften.

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Fritz Grögel nimmt uns mit auf eine visuelle Reise durch den Stadtraum Berlins und wird uns dabei eine Reihe prominenter Persönlichkeiten vorstellen, die heute zu Unrecht weitgehend vergessen sind, zum Beispiel Friedrich Soennecken, der Wiederentdecker des Translationskontrasts, Rudolf von Larisch, Erfinder eines monolinearen Schreibwerkzeugs und Galionsfigur der Schriftkunst-Bewegung und Rudolf Blanckertz, Chef der ältesten deutschen Stahlfedernfabrik und Gründer des gleichnamigen Schriftmuseums, das sich in der Nähe des Alexanderplatzes befand.


Gerrit-Noordzij-Exklusivinterview: Making-of

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Er ist der einflussreichste Typedesign-Lehrer unserer Zeit: Gerrit Noordzij (82). Von 1960 bis 1990 war er Professor für Schriftdesign an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag, wo er bedeutende Schriftentwerfer direkt oder indirekt prägte, darunter Petr und Erik van Blokland, Jelle Bosma, Albert Jan Pool, Peter Verheul, Rudy Vanderlans, Just van Rossum, Albert Pinggera, Martin Wenzel, Frank Blokland, Luc(as) de Groot, Peter Matthias Noordzij, Hannes Famira und viele mehr. Auch die Arbeit der jüngsten Typedesign-Generation basieren auf den Theorien von Noordzij, zum Beispiel in den Werken von Ján Filípek, Martina Flor, Frank Grießhammer, Slávka Pauliková, Yanone und Alexander Roth.

Wir haben Gerrit Noordzij früh als Sprecher zur TYPO Berlin im Mai eingeladen. »Das Thema Roots ist genau mein Ding«, schrieb er, und sagte schon Ende letzten Jahres zu. Leider kam wenige Wochen später die Absage aus gesundheitlichen Gründen, er könne nicht reisen. Doch die TYPO-Programmdirektion wollte auf seinen Vortrag nicht verzichten. Also vereinbarten wir einen Besuch bei ihm zu Hause, um seine Gedanken auf Video festzuhalten und im Mai dem TYPO-Publikum zu präsentieren. Wir sollten eine Wandtafel mitbringen und ein paar gute Fragen. Gesagt, getan … am gestrigen Dienstag war es dann soweit.

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Wir trafen uns gegen 10:00 Uhr morgens in Gerrit Noordzijs Atelier, untergebracht im Erdgeschoss seines Wohnhauses, das in einem kleinen Örtchen 4 km südlich von Zwolle liegt, an der IJssel. Wir, das sind Erik van Blokland (ein Schüler Noordzijs), der Videograf Marten Toner (sein Vater: ein Schüler von Noordzij) und der Autor dieses Beitrags – kein Schüler von Noordzij, erste persönliche Begegnung. Der Schriftgelehrte empfing uns gut gelaunt und führte uns sogleich in sein Büro. Seine Frau brachte Kaffee und leckeren Käsekuchen. Wir bauten das Video-Equipment auf und installierten anschließend die Tafel.

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Prof. Gerrit Noordzij (links) und sein Schüler und Nachfolger an der Königlichen Akademie, Prof. Erik van Blokland

Ich hatte mir zum Warmwerden ein paar Fragen aufgeschrieben, die wir in Form eines Interviews durchgehen und aufzeichnen. Die Antworten überraschen mich, weil sie ausnahmslos in eine andere Richtung gehen, als ich erwartete. Zwischendurch greift Noordzij immer wieder zu Büchern, aus denen er Abbildungen zeigt, Zitate vorliest oder das Schriftbild unter die Lupe nimmt.

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Maarten Toner filmte mit einer 4K Blackmagic Production Camera, ausgestattet mit einem 90°-Sucher … mehr zum Equipment in seinem Blog

Wir führen das Gespräch in deutsch, was Noordzijs ausdrücklicher Wunsch ist. Er beherrscht die Sprache gut, muss aber nach einiger Zeit feststellen, dass die akute Neuralgie an seinem Vokabular zehrt. Manche Vokabeln fallen ihm erst beim zweiten Anlauf ein. Vielleicht liegt es auch an den Medikamenten: »Ich spüre jede der angegebenen Nebenwirkungen, nur die Hauptwirkung scheint nicht einzutreten«, wirft er mit einem Schmunzeln ein.

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Ich erlebe Gerrit Noordzij als humorvollen aber auch bestimmten Gesprächspartner. Seine Antworten kommen schnell. Zum Beispiel auf die bewusst provokant formulierte Frage, ob es es zu viele Schriftentwerfer gebe? Er schaut fast empör und entgegnet: »Nein … nein, nur müssen nicht alle versuchen, ihre Erzeugnisse auf den Markt zu schmeißen. Sie sollten erst mal eine innere Notwendigkeit verspüren. An meinen eigenen Schriften ist vieles zu bemängeln und auszusetzen. Aber sie hatten alle die Chance, meiner Unzufriedenheit zu begegnen. Bei jeder neuen Schrift war ich eine ganze Zeit lang zufrieden, und dachte mir ›Jetzt habe ich die Lösung‹. Ich habe mit Freude ein schönes Buch damit gesetzt, und dann noch eins … doch schon beim dritten Buch denke ich: ›Hier möchte doch etwas anders haben‹. Und schon entstand wieder eine neue Schrift. Aber ob wirklich andere nach einer solchen Schrift fragen auf dem Markt … das sind doch ziemlich wenige.«

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Wir sind begeistert von Noordzijs Kondition. Erst gegen Ende unseres fast 5-stündigen Besuchs zeigt er Konzentrationsschwächen, aber da hatten wir schon alles im Kasten, was ihm wichtig war. Zum Beispiel seine Interpretation von Roots, das Motto der TYPO Berlin. »Das Thema Wurzeln hat mich deshalb so angesprochen, weil es mich wieder an einen Briefwechsel mit Aaron Marcus erinnerte, dem damaligen Gast-Herausgeber von Visible Language, der vor 40 Jahre stattfand. Er arbeitete gerade an einem Themenheft mit dem Titel ›At the Edge of Meaning‹, in dem er untersuchte, wie weit man sich vom Kern einer Bedeutung entfernen kann, ohne unverständlich zu werden. Das war damals ein absolutes Avantgarde-Thema, und er war ein Führer der Bewegung. Er bat mich um einen Beitrag, und da habe ich ihm geschrieben, dass die Frage, wie weit man sich entfernen kann, nur sinnvoll sei, wenn man weiß, wovon man sich entfernt. Und so schlug ich ihm vor einen Beitrag zum Thema ›The Core of Meaning‹ zu schreiben, also das Herz der Bedeutung. Erst wenn man weiß, wo man herkommt, kann man sagen, wo man gerade ist. Wenn man diese beiden Positionen in dem geplanten Heft gegenüberstellt, könnte daraus eine interessante Diskussion werden. Er schrieb mir dann, das er sich darauf nicht einlassen möchte … und seitdem haben wir nichts mehr voneinander hören lassen. Aber die Frage hat mich immer beschäftigt, auch im Zusammenhang mit Schrift.« Worauf Noordzij an der Tafel seine Theorie über die Entstehung der lateinischen Schrift niederschreibt …

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Bei diesen Kostproben aus dem gestrigen Gespräch möchten wir es bewenden lassen. TYPO-Besucher, freut euch auf Freitag, den 16. Mai, wenn um 11:00 Uhr das Gerrit-Noordzij-Exklusivinterview-Video Premiere feiert. Noch ist nicht sicher, ob es danach zum Download im Netz landen wird. Gerrit Noordzij möchte das nicht … vielleicht können wir ihn noch überreden. Fotos: Erik van Blokland (5), Jürgen Siebert (1), Standbild (1)


Wir räumen das Bücherlager [update]

Bücher für alle! Jetzt kommt günstig zum Zug, wer sich für den Osterurlaub bestücken möchte oder auf kommende Geburtstage vorbereiten: Wir leeren unseren Buchbestand und schaffen Platz für Neues. Grafische Fachliteratur, Ratgeber und Inspirationsquellen ab 6 Euro*:

Zum Beispiel:

Über den Umgang mit E-Mails

Scholz & Friends (Hrsg.) • Der Scholz & Friends E-Mail-Knigge • 10 x 14 cm, 64 Seiten mit zahlreichen gold geprägten Schwarzweiß-Illustrationen, Deutsch • € 9,00

ÜberSicht. Schriften vergleichen, auswählen, erkennen, finden.

Michael Kern, Sieghart Koch • Schriften vergleichen, auswählen, erkennen, finden • 21,5 x 28 cm, 430 Seiten mit rund 1800 Schriften, Paperback, Deutsch • € 12,00

Mr. Typo & der Schatz der Gestaltung   [ausverkauft]

Eine Typo-Graphic Novel von Alessio Leonardi • 17 x 24 cm, 96 Seiten mit dem wichtigsten zu Type & Typo in 400 farbigen Zeichnungen, Festeinband mit Fadenheftung, Deutsch • € 12,00  

Anleitung zum Ausbrechen

von Thomas Lupo • Kunst zeigt, dass Kreativität die Welt verändern kann • 32,4 x 24,2 cm, 248 Seiten, Paperback, Deutsch • € 29,00  

Aufs Ganze: Mediengestaltung im Zeitalter der Unaufmerksamkeit  [ausverkauft]

von Christian Fries, Rainer Witt • Ein Blick in die Personalanzeigen, ein Gespräch mit Beratern zeigt: die Zeit der Spezialisten ist vorbei • 21,5 x 24,5 cm, 320 Seiten, Festeinband mit Fadenheftung, Deutsch • € 14,00  

Blicktricks  [ausverkauft]

von Uwe Stokolossa, Thomas Rempen (Hrsg.) • die Autoren analysieren die subtile Verführungen zum Sehen • 24,5 x 28,7 cm, 274 Seiten, 500 farbigen Abbildungen, Deutsch • € 14,00

Corporate Design – Kosten & Nutzen [ausverkauft]

von Abdullah/Hübner • Gewinner des Award for typographic exellence des Type Director Club of New York! • 17 x 24 cm, ca. 200 Seiten, mehrere farbige Abbildungen und 20 Beispielrechnungen, Hardcover, Deutsch • 29,00 €

Alle reduzierten Bücher dieser Liste entnehmen …

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*Preise zzgl. 7% MwSt., keine Versandkosten, solange der Vorrat reicht


TYPO Day Nürnberg: Ausverkauft …

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… und doch noch freie Plätze. Wie geht das denn?

Nachdem wir einen 60-Personen-Saal gebucht hatten, dessen Kapazität Mitte dieser Woche nicht mehr ausreichte, hat unser Gastgeber Le Méridien Grand Hotel jetzt den Ballsaal freigeräumt. Aus dem Albrecht-Dürer-Saal wurde also der Richard-Wagner-Saal, in dem wir alle entspannt sitzen und ausreichend Sauerstoff atmen können.

Außerdem hätten wir damit noch ein paar freie Plätzchen, die wir hiermit zu den üblichen Konditionen anbieten: 3er-Gruppenticket für 447 €* (also nur 149 €* pro Person) und selbstverständlich auch das reguläre Single-Ticket für 298 €* Hier geht es zu weiteren Informationen zum TYPO Day Nürnberg nächste Woche und zur Buchung …

*Alle Preise zuzüglich MwSt.; Abbildung: Mit freundlicher Genehmigung von Shutterstock


Zahlenmonsterplakat zum morgigen Pi-Tag

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Für Zahlenenthusiasten ist morgen der höchste Feiertag des Jahres: Zu Ehren der Kreiszahl π wurde der 14. März (nach amerikanischer Datumsschreibweise 3.14) zum Pi-Day erkoren. Das Berliner Designbüro State hatten nun die Idee, diesen Tag auch außerhalb der USA mit einem Plakat bekannter zu machen. Hierzu packte State 1 Million Dezimalstellen der irrationalen und damit unendlichen Zahl auf ein Poster im Format 70 x 100 cm, gesetzt in 2,55 pt große Ziffern. Veröffentlicht wird das Werk im Shop von All The World’s A Page, wo bisher komplette Klassiker der Weltliteratur auf einer Posterseite erschienen.

Auf genau vier Dezimalstellen berechnete der indische Mathematiker Aryabhatta schon im Jahre 499 n. Chr. den Wert von π. Er war der Erste, der erkannte, dass es sich um eine irrationale und damit eine unendliche, nicht-periodische Zahl handelt. Da das Unendliche aber schwer zu visualisieren ist, begnügt sich das Pi-Plakat mit einer Million Dezimalstellen, entnommen eine historisch verbürgten Reihe, die erstmals 1973 von Jean Guilloud und Martin Bouyer mit einem CDC-7600-Supercomputer berechnet wurde.

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Schon die ersten 47 Nachkommastellen von π haben es in sich: Die Reihe nimmt auf dem Poster nur 2,5 cm in der ersten Zeile ein, doch bereits dies übersteigt das Erinnerungsvermögen eines untrainierten Menschen. Wer eine Zeitlang in den Rest des grauen Zahlenschwarms hinein starrt, erkennt bald seltsame Muster, die sich – kaum entstanden – schon wieder auflösen: dünne Fäden aus 9en, neckische Paare von 2en und 3en, bedeutungslose Symmetrien. Vielleicht erkennt jemand sein Geburtsdatum oder seine Telefonnummer?

Das Poster ist gesetzt aus den Ziffern der Schrift Skolar von Rosetta Type Foundry. Weitere Details: 2-Farben-Offset (schwarz/Pantone 314)
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 Ziffern, gedruckt auf 150g/qm Munken Pure Rough, Preis: 20 € ab morgen im All-the-world’s-Shop …


Walter-Tiemann-Preis 2014 an Felix Salut

Felix-Salut-CoverDie Gewinner des Walter-Tiemann-Preis stehen fest. Den mit 5000 € dotierten Hauptpreis erhält der Berliner Gestalter Felix Salut. Die beiden Förderpreise zu je 1500 € gehen an Sinisa Mackovic (USA) und Robert Milne (Australien), sowie an Manuel Raeder (Berlin) und Mariana Castillo Deball (Mexiko).

Auf die Shortlist haben es die Einreichungen von Katharina Gaenssler, Matthias Christ, Florian Lamm und Johannes Markus Frerichs geschafft.

Felix-Salut-Innen

Das ausgezeichnete »Shut Up I’m Counting!« von Felix Salut ist ein Buch, das einen Film darstellt. Der Designer ist hier Autor, Fotograf, Regisseur und Gestalter zugleich. Das gelungene Experiment eines gedruckten Filmes trägt Elemente eines Drehbuches in sich, nutzt Zeichensysteme, akzentuiert Pausen und baut mit bilddramaturgischen Mitteln Spannung auf.

Milne-Innen

Im von Robert Milne und Sinisa Mackovic gestalteten Katalog »A Bell is a Cup« zur Malerei von Matt Connors spielen Buntpapiere eine ordnende, trennende und drama­turgische Rolle

Der Walter-Tiemann-Preis 2014 war so international wie noch nie, mit 117 Einsendungen aus Australien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Italien, Litauen, den Niederlanden, Österreich, Portugal, der Schweiz, Slowenien, Tschechien und den USA. Die Preisverleihung findet am Donnerstag, den 13. März ab 19 Uhr in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig statt. Die Laudatio hält Jurymitglied Prof. Annette Stahmer. Eine Ausstellung zeigt nicht nur die Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs, sondern auch ausgezeichnete Bücher aus den vergangenen Jahrgängen. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen: waltertiemannpreis.de

Raeder-Innen

»Rogério Duarte: Marginália 1« wurde von Manuel Raeder und der Künstlerin Mariana Castillo Deball gestaltet, die visuelle Elemente brasilianischer Bildkultur der 1960er und 1970er Jahre mit einem sehr gegenwärtigen Designkonzept verknüpften