Überflüssiger »Speichersymbol«-Wettbewerb

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Das kommt davon, wenn man sein Berufsleben seit Jahrzehnten in Microsoft-Programmen verbringt … Die Stuttgarter Zeitung und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart glauben immer noch, dass Softwares und Websites den Befehl Speichern mit einem Disketten-Symbol visualisieren. »Jeder von uns klickt mehrfach täglich darauf, ohne darüber nachzudenken: auf das kleine Diskettensymbol in vielen Computerprogrammen, mit dem sich Textdokumente, Fotos oder andere Dateien abspeichern lassen.« heißt es auf der Website des gerade laufenden Wettbewerb Speichern unter …, der für diesen Befehl ein zeitgemäßes Symbol sucht.

Also, erstens hat der Wettbewerb den falschen Namen. »Speichern unter …« (im Englischen: save as …) und bezeichnet das Erstellen eines digitalen Duplikats unter einem neuen Namen. Gesucht wird aber ein Symbol für den Befehl Speichern. Zweitens habe ich schon seit Jahren nicht mehr auf ein Disketten-Symbol geklickt (wenn überhaupt, dann mit dem Zeigefinger getippt), denn sowohl im Web als auch in Apps sind alternative Symbole längst etabliert. Denn heute »speichert« man in die Cloud, auf USB-Sticks, ins Fotoalbum und auf die Facebook-Pinnwand. Und so haben Interface-Designer seit gefühlt 10 Jahren Abschied genommen von Medien-Symbolen (Festplatte, Stick, Wolke, …) … ja, sogar die Aktion Speichern ist nicht mehr klar definiert.

weiterSpeichern ist nur noch einer von einem Dutzend verwandter Aufbewahrungsprozesse, wie zum Beispiel das Teilen, Pinnen, Hochladen, Mailen, Simsen oder Twittern. Als Symbol dafür sieht man in den meisten mobilen Betriebssystemen eine Box, aus der ein gerader oder gebogener Pfeil herausragt, der so viel bedeutet wie »Wohin damit?«. Nach dem Antippen taucht eine Auswahl sinnvoller Optionen in Prosa auf (z. B. »In meine Dropbox laden«, »Als Hintergrundbild«, »Drucken«, etc), aus der sich der Benutzer die gewünschte aussucht.

Fazit: Wir brauchen kein Symbol für Speichern unter …. Aber wer 3000 €, 2000 €, 1000 €, ein Macbook Pro, ein iPad oder ein iPhone abschießen will, soll seine Vorschlag unbedingt hier bis 30. 09. einreichen …


Im Orangelab: »Mit Design die Welt retten?«

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Am 18. September 2014 findet im Berliner Orangelab am Ernst-Reuter-Platz ein weiterer IDZ-Designdiskurs statt. Thema: »Ecodesign konkret: Einflussmöglichkeiten und Grenzen.« Drei ausgewählte Preisträger und Nominierte des Bundespreises Ecodesign diskutieren mit dem Publikum über Handlungsspielräume und Einflussmöglichkeiten von Design. Zum Beispiel: Was ist Ecodesign und welche Kriterien gelten dafür? Was motiviert Unternehmen, in ökologisch verträgliche Produkte und Services zu investieren? Wer bestimmt unser Konsumverhalten?

Auf dem Podium:

Moderiert wird die Diskussion von Cornelia Horsch, Direktorin des Internationalen Design Zentrums Berlin. Weitere Informationen unter http://www.idz.de/de/sites/2939.html. (Abbildung: frog design)


Ausstellung in Berlin: Analog Mensch Digital

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»Analog Mensch Digital – Design an der Schnittstelle« lautet der Titel einer neuen Ausstellung von Shutterstock mit zehn der führenden Design-Studios in Deutschland, darunter Deutsche & Japaner, Elastique, Eps51, Fons Hickmann m23, Hort, Johannes von Gross, Studio Nand, Quintessenz (Abbildung), Swipe und Universal Interaction. Die Ausstellung ist vom 6. – 15. September 2014 im Berliner Direktorenhaus kostenlos zu sehen und stellt Visionen menschlicher Existenz an der Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Welt vor.

Shutterstock ließ die Umsetzung des Themas ganz bewusst offen, um der Kreativität seiner Partner freien Lauf zu lassen. Einzige Rahmenbedingung war die Nutzung des von Shutterstock angebotenen Bild-, Audio- und Video-Materials. Die Design-Studios erhielten dafür freien Zugang zu 40 Millionen Bildern, 1,5 Millionen Videos und über 60.000 Musiktiteln der Sammlung. Begleitend zur Ausstellung präsentiert Shutterstock Video-Porträts, Fotos und Texte der beteiligten Studios und ermöglicht so zusätzlich den Einblick in Arbeitsprozesse und aktuelle Denkweisen deutscher Designgrößen. Diese sind auch im Ausstellungkatalog sowie auf der Website zur Ausstellung zu finden.

Zur Eröffnung von »Analog Mensch Digital« findet am kommenden Freitag, 5. September 2014, um 19 Uhr statt.


Morgen in Berlin: Party mit FontFont-Kalender

gallery_print_arteDer Berliner Druckdienstleister Gallery Print ist vor 6 Jahren aus der Idee entstanden, die Produktion von Druckerzeugnissen als wesentlichen Teil des kreativen Prozess zu definieren und zu begleiten. Kein Wunder, dass mehr und mehr renommierte Künstler und anspruchsvolle Designer ihrer Arbeiten bei Gallery Print realisieren lassen. Zur Unternehmensphilosophie gehört auch, einmal im Jahr einem interessierten Fachpublikum den Beweis zu erbringen, warum diese Vorgehensweise zu beeindruckenden Ergebnissen führt. Andere nennen so etwas Open-house oder Firmenmesse, bei Gallery Print feiert man einfach eine Party. Und die ist legendär.

Morgen ist es wieder soweit. Auf dem Gallery-Print-Firmengelände in der Lützowstraße 107 erwarten die Veranstalter rund 1000 Besucher, die sich – bei Getränken und Finger-Food – über die neusten Techniken in Sachen Print, Papier, Veredelung und Typografie informieren werden. Für letzteres fühlt sich auch FontShop verantwortlich. Und daher haben wir in diesem Jahr eine Stand auf der Gallery-Print-Party. Dort kann sich jeder angemeldete Besucher den druckfrischen FontFont-Kalender 2015 abholen. Er überzeugt nicht nur mit 365 Schriftmustern, sondern einer interaktiven Rubbel-Konzept und netten gestalterischen Überraschungen. Auf Behance hat der Gestalter des Kalenders, unser Kollege Alexander Roth, einer ausführlichen Bilderbogen über das Making-of des FontFont-Kalenders veröffentlicht.


»Mann trifft Frau« von Yang Liu ist erschienen

Mann zieht sich aus: krank, Frau zieht sich aus: sexy

coverBeim Creative Morning im April (Thema: Sex) mussten wir den Ball flach halten, denn der ursprüngliche Veröffentlichungstermin des Büchleins wurde vom Verlag überraschend auf den Spätsommer verschoben. Doch immerhin bekam Yang Liu die Erlaubnis, viele Bilder aus dem Büchlein zu zeigen. Sogar eine Ausstellung war möglich, einen Monat später auf der TYPO Berlin. Doch in unserem Creative-Mornings-Video durften wir leider keine großen Abbildungen hineinschneiden (»wegen der Raubkopierer«), sondern nur die Leinwand abfilmen. Das mindert aber nicht den Reiz der gesprochenen Worte, mit denen die (hochschwangere) Autorin die Beweggründe und Gedanken zu ihrem Buch schilderte:

Inzwischen ist das Baby da. Es trägt den schönen Namen »Immi«. Und das Buch ist auch erschienen. Werfen wir mal einen ausführlicheren Blick hinein. Sein Stoff ist zeitlos. Das Ringen für die Gleichstellung von Frau und Mann ist in allen Industriestaaten ein Dauerthema. Und so hat sich die politische und gesellschaftliche Ungleichheit beider Geschlechter in den letzten Jahrzehnten tatsächlich kaum verringert. Was bleibt sind Vorurteile und tatsächlich abweichende Verhaltensmuster, die wir lieben oder an denen wir uns reiben.

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In ihrem neuen Buch wirft die deutsch-chinesische Designerin Yang Liu (Ost trifft West) einen unbefangenen Blick auf unser Verhalten. Weit entfernt von Stereotypen decken ihre Piktogramm-Paare die feinen Differenzen zwischen männlichem und weiblichem Verhalten auf: beim Shoppen, beim Rendezvous, in der Familie, am Arbeitsplatz. Blättert wir eine Seite weiter, begegnet uns plötzlich dasselbe Verhaltensmuster beim anderen Geschlecht.

Die Wegbeschreibung von Frauen und Männer

Diese Doppeldeutigkeiten sind es, die unseren Blick auf das andere Geschlecht und auf uns selbst neu justieren. Frauen sind auch nur Männer, und umgekehrt … das ist die verblüffend simple Erkenntnis von »Mann trifft Frau«, und damit bietet Yang Liu einen amüsanten Grundkurs in Sachen Verständnis und Toleranz.

Gehaltsverhandlungen von Mann und Frau unterscheiden sich

Yang Liu wurde in Peking geboren und lebt seit 1990 in Deutschland. Sie studierte an der University of the West of England (Bristol) und schloss ihr Studium mit einem Master an der Berliner Universität der Künste ab. Sie arbeitete mit Derek Birdsall und Thomas Manss (London, Berlin), bei Chermayeff & Geismar (New York), bevor sie 2004 ihr eigenes Büro Yang Liu Design in Berlin gründete. Seit 2010 ist Yang Liu Professor und Leiterin des Fachbereichs Kommunikationsdesign an der TU Berlin. Sie gewann verschiedene internationale Preise und veröffentlichte mit dem Buch »Ost trifft West« einen ersten Bestseller.

Das Kaufverhaten von Mann und Frau

Weitere Informationen zu Mann trifft Frau beim Verlag ….

Mann trifft Frau, Verlag Taschen, Hardcover, 13 x 13 cm, 128 Seiten, € 12


bukowskigutentag 3/14: Akkurater Widerstand

emo_demoDas Thema Überwachung geht alle an, aber in der Breite der Bevölkerung hält sich die Empörung in Grenzen. Noch tut es ja auch niemandem direkt weh. Ein paar tapfere Widerständler engagieren sich und organisieren wieder die »Freiheit statt Angst«-Demo, diesmal am kommenden Samstag in Berlin. Dort sieht man wie in den Jahren zuvor Alu-Hüte, Grumpy Cats und andere Internet-Folklore. Das mag lustig sein, spricht aber niemanden außerhalb der eigenen Filterblase an. Deswegen sieht man auf der diesjährigen FSA noch eine andere Fraktion: den »Akkuraten Widerstand«. Und das ist? Zitat:

»Wir sind der akkurate Widerstand und sehen auch so aus. Wir tragen Anzüge, Oberhemden, Blusen, Röcke. Wir wollen, dass Oma Krause in den Nachrichten proper gekleidete Leute sieht. Wir wollen, dass der Widerstand gegen die Radikalüberwachung in die Breite der Bevölkerung getragen wird. Wir wollen unsere Wut gegenüber den freidrehenden Geheimdiensten und die Abschaffung unserer Zivilgesellschaft in angemessener Form äußern. Wir wollen sichtbar machen, dass nicht ein paar Internet-Freaks um ihren digitalen Spielplatz kämpfen, sondern dass unsere elementaren Bürgerrechte abgeschafft werden. Und mit ‘uns’ sind Erika Mustermann und Otto Normalverbraucher gemeint. Genau so sehen wir auch aus.«

Der Akkurate Widerstand ist bereits als offizieller (Anzugträger)-Block bei der FSA 14 gelistet. Los geht’s am Samstag, 30.8., um 14 Uhr am Brandenburger Tor. Wer akkurat mitdemonstrieren möchte, einfach nach gut gekleideten Leuten und Fahnen Ausschau halten.

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Dresscode: Come as you are, bunt, entspannt, aber akkurat. Nicht übertrieben aufbrezeln, denn das soll keine Kostümtruppe werden. Gutes Oberhemd oder Bluse reicht schon. Anzug und ähnliches erwünscht.

Mehr zum Thema nachlesbar hier bei jetzt.de, bei t3n.de und hörbar hier im Interview bei Radio Fritz. Zur Homepage der Aktion geht’s hier und zur Facebook-Seite hier.

In eigener Sache: fontblog.de gefällt die Aktion und Jürgen Siebert spendiert dem Akkuraten Widerstand auch das Online-Banner, das hier rechts im Wechsel mit dem Typo Day angezeigt wird. Vielen Dank, Herr Siebert!

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


Am Donnerstag erscheint »Hallo ich bin Erik«

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹, Portrait, Büro 1986

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹: Erik Spiekermann 1986, dem Geburtsjahr des Desktop Publishing und der digitalen Schriftgestaltung, in seinem Berliner Büro in der Motzstraße 58

Am kommenden Donnerstag feiert der Berliner Verlag Gestalten das Erscheinen der ersten umfassenden Erik-Spiekermann-Biografie. Mehr as ein Jahr lang haben Johannes Erler und sein Team – gemeinsam mit Spiekermann und vielen Weggefährten – für das 320-Seiten-Werk recherchiert, gesammelt, geschrieben und gestaltet. Ich durfte über das Wochenende bereits einen Blick in das Buch werfen und den kostenlosen Font Real Regular downloaden, die neueste Schrift von Erik, mit der die Texte der Biografie gesetzt sind.

Buchtitel ›Hallo ich bin Erik‹, erschienen bei Bestalten Berlin Schon der flapsige Titel und seine Interpunktion demonstrieren eindrucksvoll: Korinthenkacker haben keinen Platz in Spiekermanns Kosmos. Auch solcherart veranlagte Auftraggeber wurden mit ihm nie warm. Zitat: »Ich sieze nur Menschen, die ich nicht mag!« Natürlich wissen sowohl der Verlag, als auch die Texter und die Gestalter des Covers, dass in den drei Titelzeilen mindestens ein Komma sowie ein abschließendes Satzzeichen fehlen. So what. Cover sind in der grafischen Gestaltung das, was in der Schriftstellerei als Poesie bezeichnet wird – ein Kunstform, die sich die Freiheit nimmt wie es ihr gefällt. Wir blicken auf eine visuelle Arbeit, die für sich gestalterischer Freiheit reklamiert, das Gegenstück zur dichterischen Freiheit.

Erik Spiekermann hat selbst ein halbes Dutzend Bücher veröffentlicht, die sich meist nur am Rande mit dem eigenen Denken und Schaffen beschäftigten. Es erschienen auch schon Portraits über ihn, zum Beispiel die umfangreiche Semesterarbeit »Ursachen und Wirkungen«, von Simone van Nes, im WS 2002/2003 an der FH Münster verfasst; sie beschäftigt sich überwiegend mit dem Schriftschaffen des Designers. Andere beleuchteten sein Werk als Corporate Designer oder als Gestalter von Leitsystemen. Was bis heute fehlte, war eine visuelle Biografie, die sich dem gesamten Spektrum des Spiekermannschen Schaffens der letzten 45 Jahre widmete, also dem Schriftentwerfer, dem Designer und dem Unternehmer.

Erik Spiekermann 1973, selbst gedruckte Neujahrskarte

Links: Die Spiekermann-Handpresse in der Arno-Holz-Straße (Berlin Dahlem); rechts: die damit gedruckte Neujahrskarte von Joan und Erik zum Jahr 1973

Eine solche Gesamtschau liegt nun vor, sehr persönlich konzipiert und gestaltet von Johannes Erler, der sich 1992 bei Spiekermanns MetaDesign als Praktikant ins Berufsleben stürzte. Danach wäre er gerne bei Meta geblieben, bekam dort aber keinen Job, worauf er in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrte, um mit Olaf Stein, den er bei MetaDesign kennengelernt hatte, das Büro Factor Design zu gründen. »Vor über 20 Jahren habe ich Erik kennengelernt.« schreibt Erler in seinem Vorwort. »Seitdem haben sich unsere Wege unzählige Male gekreuzt. Und so ist dies nicht nur das Buch über einen großen Gestalter, sondern auch über einen Menschen, der mir über all die Jahre sehr vertraut geworden ist.«

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹, mit Gastbeitrag von Joan Spiekermann

Einer von 24 Gastbeiträgen: Joan Spiekermann über die erste Begegnung mit Erik, abenteuerliche Reisen, Familiengründung und gemeinsame berufliche Wege

Beschäftigt man sich etwas tiefer mit Spiekermann’s Lebenswerk, so fällt zum einen die Fülle wegweisender Arbeiten auf und zum anderen, wie eng seine diversen Talente miteinander verflochten sind. Wort, Schrift und Gestaltung verbinden sich mit Unternehmertum, Networking und der Neugier auf Technik. Aus diesem Triebwerk entstand in fast 50 Jahren ein beeindruckender, grafischer Kosmos, der das Grafikdesign in Deutschland und weit darüber hinaus maßgeblich prägte.

Skizzen zur Officina Display, 2000 entworfen mit Ole Schäfer

Eine von vielen Skizzen zur Officina Display (2000), die Spiekermann mit Ole Schäfer und später mit Christian Schwartz entwickelte

Die ausführliche Werkschau, die auf Seite 28 von ›Hallo ich bin Erik‹ beginnt, unterteilt Spiekermanns Wirken in sieben Felder. Der ›Schriftgestalter‹ zeigt die wichtigsten Schriftentwürfe; ein komplettes Verzeichnis all seiner Schriften findet sich auf den rosa Seiten von 292 bis 307 (siehe unten). Der ›Designer‹ dokumentiert die wesentlichen Arbeiten auf dem Feld der visuellen Kommunikation. Der ›Unternehmer‹ beschreibt Spiekermann als Gründer zahlreicher Firmen, einschließlich FontShop (1989) und zuletzt EdenSpiekermann (2009). Der ›Netzwerker‹ erzählt von seinen berufsständischen Aktivitäten, zum Beispiel in Verbänden; Erik war unter anderem Vizepräsident des BDG, Mitbegründer des Forum Typografie und Sprecher auf ungezählten Konferenzen. Der ›Autor‹ verweist auf das Werk als Buchmacher und Kolumnist. Der ›Techniker‹ schildert Spiekermanns Interesse an klassischen und neuen Technologien für Schrift und Druck. Der ›Mensch‹ schließlich zeigt auf, dass Spiekermanns Begeisterung für Gestaltung weit in den privaten Bereich hineinreicht.

Doppelseite über die erste FontShop-Konferenz, die FUSE 95 in Berlin

Aus der typografischen Publikation FUSE (herausgegeben von Neville Brody, Jon Wozencroft und FontShop) entstand 1995 die erste interdisziplinäre Typografie-Konferenz, aus der später die TYPO wurde, die Erik Spiekermann 10 Jahre lang moderierte

Die Themenfelder sind in der gestürzten Zeile am Rand jeder Seite ausgewiesen. Sie wurden im Buch chronologisch verwoben, um zu zeigen, wie aus einer Aktivität die nächste entsprang. Der Werkteil beginnt mit der ersten Firmengründung im Jahr 1967. Auch die Jahreszahlen finden sich gestürzt. Sie bezeichnen stets den Beginn und das Ende eines Projektes. Das immense Lebenswerk verdanken wir Spiekermanns Talent, Partner und Mitarbeiter zu finden, die ihn bei seinen Ideen unterstützen. Auch diesen Mitarbeitern, zu denen er in der Regel bis heute kollegiale oder sogar freundschaftliche Verhältnisse pflegt, ist das Buch gewidmet. Zwei Dutzend von Ihnen, darunter Stars wie Neville Brody, Michael Beirut, Stefan Sagmeister, Wally Olins († 2014) und Christoph Niemann kommen mit eigenen Beiträgen zu Wort.

Doppelseite aus ›Hallo ich bin Erik‹, mit Illustration von Christoph Niemann

Die Buchstaben stehen ihm ins Gesicht geschrieben: So porträtiert der Illustrator Christoph Niemann seinen Kollegen und Freund Erik Spiekermann

Jedes Projekt, das in Kooperation entstand, weist die Biografie mit den wesentlichen Mitarbeiter aus. Auf Seite 308 des Buches beginnt eine Übersicht all dieser Kollegen und ihrer Kontaktdaten. Eine besondere Rolle nimmt im Buch das Schriftschaffen von  Spiekermann ein. Viele Alphabete er allein entwickelt, die meisten entstanden jedoch in Kooperation mit anderen Schriftgestaltern. Die rosa Seiten 292 bis 307 zeigen sie alle, sowohl die kommerziellen Projekte (meist für das von Erik mitgegründete Label FontFont) als auch die Exklusivschriften, zum Beispiel für die Bahn, Nokia und das Zweite Deutsche Fernsehen.

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Von Artz (Hamilton Wood Type), bis ZDF News (Zweites Deutsches Fernsehen): alle 25 Schriftfamilien, die Erik Spiekermann …

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 … in den Jahren 1967 bis 2014 erschienen sind, jeweils mit einleitenden Worten vom Entwerfer

Die Gründung von FontShop im Jahr 1989, als erstes Versandhaus für digitale Schriften, ist wahrscheinlich das typischste Ergebnis aus Erik Spiekermanns Begabung, Typografie und Schrift mit Unternehmertum, Netzwerk und technischem Know-how zu verknüpfen. Das Corporate-Design-Konzept sah vor, viele unterschiedliche Schriften des FontShop einzusetzen, aber nur drei Farben zu verwenden: Schwarz, Weiß und Gelb. Erik schreibt dazu: »Ich habe nie viele Farben jenseits der typografischen Klassiker Schwarz und Rot verwendet. Vor 25 Jahren allerdings, als Alex Branczyk und ich das Logo etc. für FontShop entwarfen, dachten wir, dass Schwarz und Weiß recht gut das digitale Prinzip symbolisieren könnten, genauso wie den Prozess, der in einem Laserbelichter abläuft. Schwarz und Weiß alleine war aber zu unscheinbar, also nahmen wir Gelb dazu.«

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Die erste Geschäftsausstattung von FontShop, den Spiekermann 1989 mit seiner Frau Joan gegründet hat, entstand in Kooperation mit Alex Branczyk

Ende 2013 gab Spiekermann bekannt, dass er im Mai 2014, also zu seinem 67. Geburtstag, als Vorstandsvorsitzender bei EdenSpiekermann ausscheiden und in den Aufsichtsrat wechseln werde. Selbstverständlich ist auch diese Zäsur Bestandteil von »Hallo ich bin Erik«, wie auch die Zukunftsplanung des Designers. Seit Anfang dieses Jahres verschiebt sich das Zentrum seines Wirkens in der Potsdamer Straße von EdenSpiekermann in das gegenüber liegende Hinterhof-Erdgeschoss einer ehemaligen Mädchenmalschule. Hier hat Spiekermann auf über 200 Quadratmetern seine Sammlung von Satz- und Druckutensilien aufgestellt, Straßenname und Hausnummer geben dem Ort seinen Namen: Galerie P98a.

Mit seinem Partner Jan Gassel will Erik im P98a ausprobieren, wie sich die alten Druckverfahren mit digitalen Werkzeugen kreuzen und nutzen lassen. Eigene Plakatschriften aus Holz sind in Arbeit, seit Sommer werden Workshops für Handsatz und Buchdruck vorbereitet. Demnächst mehr dazu hier im Fontblog.

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Erik Spiekermann heute, in seiner Druck- und Satzgalerie P98a

Über den Autor: Johannes Erler ist einer der führenden Köpfe der deutschen Gestaltungs- und Kreativszene. Mit seiner ersten Agentur Factor Design, die er 2010 verließ, prägte er visuelle Erscheinungsbilder und Positionierungen vieler namenhafter deutscher Marken und Institutionen. Seit 2011 arbeitet er mit dem Bureau ErlerSkibbeTönsmann für Kunden wie die Süddeutsche Zeitung, das Theater Bremen oder den Versandhausriesen Otto und verantwortete in dieser Zeit als Art Director auch den Relaunch des Wochenmagazins stern.

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Im Impressum des Buchs »Hallo ich bin Erik« befindet sich ein Freischaltcode für die Textschrift Real Regular, mit dem sich der Font auf fontshop.com downloaden lässt: einfach anmelden, Font auswählen, in den Warenkorb legen, mit dem Code »bezahlen« und downloaden

Die neue Real ist inspiriert von einem seltenen, halbfetten Schnitt der Akzidenz Grotesk, den es nur in ganz großen Plakatschriften gab – leichter als die Halbfett in Blei, Fotosatz und Digital. Extra für das Buch hat Erik Spiekermann eine Text- und eine Headline-Version der Real digital gezeichnet und die Daten dann an Ralph du Carrois gegeben, der sie gesäubert und ergänzt hat. Markante Änderungen in Real Text gegenüber der historischen Vorlage sind zum Beispiel ein angloamerikanisches g, eine Serife am l, Mediävalziffern mit einer angloamerikanischen 8, Serifen am Versal-I, ein breiteres f und t sowie runde Punkte.


Ausstellung: Die grafische Sprache der Verwandlung

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Seit Jahresbeginn verleiht das Hamburger Designbüro Mutabor AG mit dem Onlinekalender Lingua 365 seiner grafischen Sprache täglich neu Ausdruck. Jeden Tag kommentieren die Designer das aktuelle Weltgeschehen in Form von Piktogrammen im Stil ihrer Lingua Digitalis. Ereignisse der Weltpolitik, Events aus der Kommunikationsbranche und Phänomene der Popkultur werden gleichermaßen durch die »grafische Brille« des Büros interpretiert und in kleinen Illustration kommentiert.

Die am 28. August startende dreiwöchige Ausstellung Mutabor – Lingua 365 (Hamburg, designxport) dokumentiert nicht nur die bislang entstandenen 240 kleinen Kunstwerke, sondern inspiriert den Besucher auch zum Mitmachen. Bis zur Finissage werden unter Einbeziehung der Besucher 23 neue Piktogramme erstellt, die die Ausstellung täglich wachsen lassen. Darüber hinaus lernen die Besucher preisgekrönte Projekte und Meilensteine aus der Mutabor-Geschichte kennen.

Weitere Informationen …

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bukowskigutentag 2/14: Nichtlesung

Nur 4 Jahre verspätet: Lektüre für Nichtleser, Band 11 ist erschienen

Vortrag und Buchpremiere, 28. August 2014, 20 Uhr 30, Ocelot Buchhandlung, Brunnenstraße 181, 10119 Berlin, Eintritt frei. (Hier zur Einladung bei Facebook)

Ansgar Oberholz, der einzige Verleger der Lektüre für Nichtleser, und Michael Bukowski, der einzige Autor der St. Oberholz Verlagsanstalt, referieren die Kulturgeschichte des Lesens aus der Perspektive des Nichtlesens. Vom 7. Jahrtausend v. Chr. als historischem Bezugspunkt ausgehend werden Fragen nach Sinn, Unsinn und Zukunft der weitgehend falsch verstandenen Kulturtechnik des Lesens erörtert.

Quasi wie zufällig fungiert der neue Band 11 der Lektüre für Nichtleser als Anlass der Veranstaltung. Mit besagtem, bereits vor Erscheinen legendärem Band 11 hatte eigentlich keiner mehr gerechnet. Umso größer jetzt die Freude über das mit fast vier Jahren Verspätung eintreffende Buch. Und umso aktueller die Frage, warum und wie ein Buch in Romanstärke gelesen und gleichzeitig nichtgelesen werden kann.

Vielen Dank an dieser Stelle an Jürgen Siebert, den einzigen Typo-Sponsor der Lektüre für Nichtleser, der uns mit der schönen FF Parable ausgestattet hat.

Weltpremiere feiert außerdem die literarische Nichtlesen-Innovation des “Leseflussblockers”. Nicht zuletzt plaudern Oberholz und Bukowski über ihr völlig revolutionäres Verleger-Autor-Verhältnis, das die herkömmlichen Gepflogenheiten der Verlagsbranche auf den Kopf stellt, ohne dass es jemand merkt.

Zum Buch:

Lektüre für Nichtleser, Band 11
Warten auf Andrea
von Michael Bukowski
Taschenbuch, 232 Seiten
St. Oberholz Verlagsanstalt
erscheint Ende August 2014
ISBN 978-3-9813725-1-9
Preis: 9,90 Euro

Da die Erstauflage in Höhe von 1 Exemplar bereits vergriffen ist, lassen wir nachdrucken. Vorbestellungen bitte per E-Mail an: mail // ät // bukowski-berlin.de

Stimmen zum Buch:

„Mit seiner Reihe ist Bukowski ein großer Wurf gelungen. Er holt den Nichtleser genau dort ab, wo er sich gerade befindet. Beim Widerwillen, zu lesen. Was Michael aus dieser Idee macht: Keine Ahnung.“ Jan-Uwe Fitz

„Ich habe diesen Band 11 hier bereits 23 mal als eBook gekauft und heute morgen wieder drei gedruckte Exemplare bestellt. Der Abverkauf entwickelt sich ausgezeichnet.” Michael Bukowski

„Als Verleger der Lektüre für Nichtleser ziehe ich nach inzwischen 11 Bänden langsam in Erwägung, mal eines der Bücher zu lesen. Steht zumindest auf meiner To-do-Liste seit 2009.“ Ansgar Oberholz

Michael Bukowski

P.S.: Autoren, die diesen Beitrag geschrieben haben, haben auch diese Beiträge geschrieben.


Braucht die Welt einen deutschen E-Book-Award?

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Leider ja! Weil die traditionellen Buchwettbewerbe das E-Book ignorieren. Zwei Gespräche, die ich zum Thema E-Book mit der Stiftung Buchkunst geführt habe, die Veranstalterin des Wettbewerbs Schönste Deutsche Bücher, waren nicht sehr ergiebig. Die Druckbücherwelt ist entweder

  • vernagelt, weil selbstverliebt
  • verängstigt, weil Geschäftsmodelle zusammenbrechen, oder
  • betriebsblind, was einem Todesurteil gleichkommt

Mich erinnert das an die Druckvorstufe vor knapp 30 Jahren. Wir haben 1986 die Zeitschrift PAGE mit der Mission gestartet, die neue Technik des Desktop Publishing (DTP) zu feiern. Heute ist alles DTP, und die Maschinen und die Jobs von damals sind untergegangen. Wir wurden belächelt: »Mickey-Maus-Design«, »miese Qualität«, »alles nur eine Phase«. Aber wir waren berauscht von den neuen Möglichkeiten. Genauso wie die E-Book-Freunde heute berauscht sind von den neuen Möglichkeiten.

Weil uns keiner zuhörte, haben wir 1988 einen eigenen Designwettbewerb ins Leben gerufen und drei Jahre durchgeführt. Zugelassen waren nur Drucksachen, die im Desktop Publishing erstellt wurden. Ein ziemlich hirnrissiger Ansatz, denn gutes Grafikdesign ist – unabhängig vom Werkzeug – einfach nur gutes Grafikdesign. Aber gut, wir waren jung, wir waren high, wir wollten den branchenpolitischen Paukenschlag.

Geschichte wiederholt sich. Den Deutschen E-Book-Award muss es geben, weil das E-Book das Buch der Zukunft ist. Vergesst die klassischen Buchverlage und die klassischen Wettbewerbe. Je länger sie das E-Book ausblenden, um so schneller werden sie untergehen. Von dieser Seite ist keine Hilfe zu erwarten, wenn wie die E-Book-Qualität verbessern möchten … zum Beispiel mit einem Gestaltungswettbewerb für E-Books.

Habe ich »Gestaltung« gesagt? Oh, das tut mir leid. Das Wort ist nicht gerne gesehen beim E-Book-Wettbewerb. Oder genauer: Es stößt auf Unverständnis, wie meine Twitter-Konversation belegt. Irgendwie seltsam, wenn man auf der Suchen nach den »schönsten deutschsprachigen eBooks« ist, Themen wie Leserführung, Bildsprache, Typografie und dergleichen auszublenden.

Der Schriftentwerfer und Screenfont-Experte Tim Ahrens war der erste, dem etwas in der Jury auffiel:

Tatsächlich besteht die Jury aus drei Buchhändlern, zwei E-Book-Herstellern, einem Journalisten und einem App-Entwickler. Kein Typograf, kein Buchgestalter, kein UX-Designer. Ich glaubte zunächst: »Hoppla, vergessen.« Nee, die Sache hat System, denn:

OK, dachte ich kurz, Ahnungslosigkeit in Reinform. Was kann man da noch machen. Vielleicht einen (vor)letzten Versuch der Erläuterung wagen:

Das nenne ich Lagerdenken. Selbst überzeuge Buchregalanbeter nervt, wie sich die Börsenbuchhandeldruckfraktion nur noch am Duft von Papier, seiner Haptik, der Druckerschwärze und ihren feuchten Zeigefingern berauscht. Plötzlich schlagen die E-Book-Apologeten in die gleiche Kerbe. Das Potenzial des E-Book liege in »technischen Aspekten«. Das würde der Hersteller eines gedruckten Buchs sofort unterschreiben: Papiergewicht, Seitenzahl, Schutzumschlag, Lesezeichen, Bindung, Druckverfahren, Repros, Schriftart, … alles tolle technische Aspekte. Nur: Wer ist denn für die Regie dieser technischen Aspekte verantwortlich, damit ein schönes Buch entsteht? Dreimal darfst du raten, @eBookAward.

Mein letzter Versuch:

Hey, wacht auf beim Deutschen E-Book-Award. Wenn ihr gar nicht erst versucht, die Ignoranten der Printfraktion mit ihren eigenen Argumenten und Ansprüchen umzudrehen, wird der Award schon im Geburtsjahr im selbst gemauerten Ghetto verhungern. Es geht um das Buch an sich, nicht um das E-Book und nicht um das Papierbuch. Nur um das Buch und seine Inhalte. Die Zukunft des Buches liegt im E-Book. Erst recht, wenn es schön gestaltet ist. Aber das »schöne E-Book« wird weder von künstlicher Intelligenz, noch von Programmierern gestaltet. Es gibt einen Beruf für diese Aufgabe und ein Dutzend Hochschulen im Land, wo Buchgestalter ausgebildet werden. Das sollte sich im Land der Dichter und Denker vielleicht auch mal in der E-Book-Ecke herumsprechen.

(Aufmacherfoto: Courtesy of Shutterstock)


Ansichtskarte von Martina Flor

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Die argentinische Schriftkünstlerin Martina Flor hat einen Online-Grußkarten-Service ins Leben gerufen: Letter Collections. Um diese bekannt zu machen, schickt sie jeden Tag einer Freundin oder einem Freund, die/der gut vernetzt ist, eine gedruckte Ansichtskarte. Diesen Vorgang dokumentiert sie auf Instagram und Twitter. Die Motive wählt Martine Flor sorgfältig aus, passend zur Person.

Heute habe ich ihre Karte erhalten. »Something Wonderful is about to Happen«. Besser hätte ich es nicht sagen können … genau das empfinde ich im Moment. Vielen Dank, Martina, für den lieben Gruß.


ADC-Seminar »Kreativtechniken« in Berlin

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Wo kommt Inspiration eigentlich her? Wie wird aus einem ersten Gedanken ein Konzept oder eine Kampagne? Die gute Nachricht: Kreativität lässt sich fördern und steuern! Das ADC Seminar »Kreativtechniken & Ideenfindung« am 3. September 2014 in Berlin offenbart Kreativen neue Perspektiven und nimmt die Angst vor dem leeren Blatt.
ADC Mitglied Nicole Hoefer-Wirwas hinterfragt mit den Teilnehmern, welche Kreativtechniken für welche Aufgaben am nützlichsten sind, wie man Ideen bewertet, die beste auswählt und weiter optimiert und wie Kreativteams zu besseren Ergebnissen kommen. Weitere Informationen …